[Juenger-list] NZZ: Hans Blumenberg über Jünger / Vorabdruck und Neues Buch
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Sat Mar 17 05:19:57 EDT 2007
Liebe Jünger-Freunde,
von Hans Blumenberg erscheint im Herbst bei Suhrkamp ein Band mit Texten von ihm über Jünger ((«Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger», herausgegeben und kommentiert von Alexander Schmitz und Marcel Lepper).) Einer ist heute in der NZZ ist abgedruckt. s.u.
Viele Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw
17. März 2007, Neue Zürcher Zeitung
Kasten: Über Ernst Jünger
Auf Leviathansfang
Von Hans Blumenberg
Das Raffinement der Überraschung besteht bei Ernst Jünger in der Handhabung letzter Sätze zunächst anschaulich-deskriptiver Textstücke, die sogar durch Trivialismen den Leser noch mehr jeder Erwartung aufs Ausserordentliche entwöhnen. Man gibt keinen Pfifferling mehr für den Autor, dass er an Rang gewinnen könnte, nachdem er sich aufs jedermann zum Überdruss Gewordene eingelassen und darin festgesetzt hat.
Die dröhnende Panzerkolonne, die im Schritt fährt, als könne sie vor Kraft und Drohgebärde nicht schneller, ist kaum einem Zeitgenossen vorenthalten worden, wie der durch den Maschinenwurm gehende Ruck des periodischen Anhaltens, der zwingende Trägheitseffekt auf die aus den Luken herausstehenden Kommandanten mit seiner marionettenhaften Fortpflanzung über die ganze Länge des Zuges. Doch ist es ein Unterschied, ob dieser Anblick unter den sichernden Kautelen des Manöverausritts steht, wie bald ein halbes Jahrhundert lang hierzulande, oder ob er die Endgültigkeit des Einmarsches, der Besiegung, der alles verändernden Gewalttat manifestiert, wie an jenem 11. April 1945, als Ernst Jünger von seinem Fenster in Kirchhorst aus eine Kolonne erblickt und unter der Ambivalenz absoluter Ungewissheit alles Kommenden beschreibt.
Er hat das Beobachtete und den Beobachter zugleich im Griff. Er sieht alles und sieht doch, dass der Sehende sich an gewisse Einzelheiten hängt, als hätten sie einen höheren Indikationswert gegenüber dem anderen. Jüngers Blick bleibt auf die zum Funken ausgeschwenkten Ruten fixiert, die über jeder stählernen Karosse wippen und sie zum Element der Einheit des Ganzen machen.
Die leichteste, ja die frivole Metapher drängt sich auf, als gewähre sie Distanz und Erleichterung: Angelruten, das Ganze eine Angelpartie. Ein bei Jünger eher gemeinplätziger Zusatz gibt die Trivialität nicht frei: Eindruck einer magischen Angelpartie. Muss man überlegen, was das sein könnte? Etwa: Magie durch Multiplizität des Gleichen? Magie im kontaktfreien Einklang der Schwingungen?
Ehe zu dieser Amplifikation auch nur Atem geholt ist, präzisiert Jünger aufs Schärfste, im blossen Satzteil den Sprung in eine andere und ultimative Dimension aufzwingend, als sei der Sprung eben die «Magie» des Gesehenen selbst, in der sich die Leichtigkeit der Angelpartie durch Angabe ihres Zielobjekts auflöst: . . . Angelpartie, vielleicht zum Fange des Leviathans. Aus dem Tag der Rache wird der des Gerichts. Noch lebt das Monster für drei Wochen unter dem Fünfmeterbeton seiner Berliner Höhle. Es bedarf der Exegese nicht. Nur der Wahrnehmung des Musters, das bei Jünger in doppeltem Gebrauch ist. Die Überpointierung, der sprunghafte Dimensionswechsel hat in allen seinen Büchern zwei Optionen: die apokalyptische und die platonische. In beiden Richtungen verwandelt sich die Anschauung als Durchsichtigkeit auf das hin, was übrig bleibt: die Urform und die Gerechtigkeit. Die Kurzformel für diese Ambivalenz findet Thomas Mann, der sich kurz nach Kriegsende, im Oktober 1945, über Ernst Jünger als ein aussergewöhnliches literarisches Talent, das weitaus bedeutendste im heutigen Deutschland, äussert, woran die Tatsache nichts ändere, dass er ein Wegbereiter des Nazitums war und ein eiskalter Geniesser des Barbarismus geblieben ist. Das mache es ihm jedoch unmöglich, für Jünger einzutreten.
Für Jüngers Tagebucheintrag vom 11. April 1945 steht nur der eiskalte Geniesser des Barbarismus zur Disposition, denn die Vision der apokalyptischen Angelpartie auf Leviathansfang hat den frivolen Zug, als sei ein Moment des Sportlichen auch an diesen Briten, die doch die Todesstrände der Normandie hinter sich und den Sieg sicher vor sich haben. Man kann leicht fehlgreifen bei der Einschätzung solcher Imaginationen, die mehr oder weniger nahe an theologische Tradition anschliessen. Dass das biblische Ungeheuer Leviathan ein Fisch sei, ein essbarer dazu und ausreichend für eine gewaltige messianische Speisung, ist erst eine späte Umbildung der talmudischen Eschatologie; dem sprachlichen Befund nach war es ein Sich-Windendes, also Schlangenleibiges weiblichen Geschlechts, am ausführlichsten im Buch Hiob beschrieben und von einigen Auslegern als Erinnerung aus ägyptischer Vorzeit an das Krokodil in mythischer Übersteigerung erklärt. Das Unbesiegbare wird erst in der messianischen Zeit besiegt und von den Auserwählten verspeist. Das Moment des Leckerbissens für die Gerechten wird die Drachennatur überlagert und das Unwesen zum Fisch gemacht haben, was dann aus der Überwindung eher den Einfang werden liess. Auch die christliche Tradition kennt den Leviathan als Fisch, obwohl nicht als essbaren.
Papst Gregor I., als Theologe wie als Begründer des Kirchengesangs «der Grosse» zubenannt, hat das Angeln Gottes nach dem Leviathan anhand des von ihm breit allegorisierten Hiobbuches in einer Predigt zur Präfiguration der Heilschancen der Sünder in den Kontext der Fleischwerdung des Gottessohnes gebracht und an der Sünderin Maria von Magdala exemplifiziert: Gott hat als Köder an dem Haken seiner Angel eben diesen Menschen, dessen Gestalt der Logos angenommen hat und dessen Lockung wohl das Meeresuntier nicht widerstehen kann, denn es schluckt den Köder, und Gott hat damit dessen Rachen durchbohrt (perforavit), und das für alle, die der Bestie zum Opfer fallen. Die Bohrung ist die Heilsöffnung (foramen), die dem reumütigen Sünder zum Ausschlupf aus dem Fischmaul immer offensteht, wenn er sich nur vor der Verzweiflung über seine Lage bewahrt. Die Angel ist also als theologischer Einfall eines Papstes weniger auf das Einfangen der Beute eingerichtet als vielmehr zur plausiblen Imagination des einen Köders, auf den allein das teuflische Unwesen blindlings anbeisst und die Verletzung davonträgt, die das Entkommen der Bussfertigen für alle Zeit verbürgt. Ernst Jünger wird kaum an diese Heilsbedeutung gedacht haben, doch belehrt das Wort des Heiligen aus dem 6. Jahrhundert immerhin über die Schonungslosigkeit der Bilderfindung, wenn es nur ums Heil ging. Und ums Heil, wenn auch um ein diesseitiges, ging es auch für den Zuschauer der einziehenden Befreier am 11. April 1945. War er frivol, so hatte er jedenfalls fromme Geselligkeit - und einen unfrommen Instinkt fürs Theologische.
Über Ernst Jünger
ujw. Im Herbst wird im Suhrkamp-Verlag eine Auswahl von Texten über Ernst Jünger erscheinen, die sich in Hans Blumenbergs Nachlass befinden («Der Mann vom Mond. Über Ernst Jünger», herausgegeben und kommentiert von Alexander Schmitz und Marcel Lepper). Auch die hier abgedruckte Skizze ist darunter. Sie knüpft an einen Tagebucheintrag Jüngers vom April 1945 an. Angesichts vorbeiziehender britischer Panzerkolonnen imaginiert der Diarist eine Jagd auf das mythische Untier Leviathan.
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