[Juenger-list] [Jünger-Rundbrief] erste Rezension zu Kiesel / EJ
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Tue Aug 28 18:40:32 EDT 2007
Liebe Jünger-Freunde,
die erste mir zur Kenntnis gelangte Rez. zu Helmuth Kiesels Jünger-Biographie erschien heute im "Marburger Forum" ( http://www.philosophia-online.de ), sie ist als PS beigefügt.
Beste Grüsse rundum,
Ihr / Euer
tw
Marburger Forum, Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8 (2007), Heft 4
Timo Kölling : Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie - Ein erster Eindruck
In seiner »Theorien des deutschen Faschismus« überschriebenen Kritik des 1930 von Ernst Jünger herausgegebenen Aufsatzbandes »Krieg und Krieger« spricht Walter Benjamin von der »Stumpfheit«, mit der die dort versammelten Autoren »den Begriff kommender Kriege fixieren, ohne Vorstellungen mit ihm zu verbinden«. Er wirft den Autoren, allen voran freilich Ernst Jünger, »lasterhaften Mystizismus«, »knabenhafte Verschwärmtheit«, eine »hemmungslose Übertragung der Thesen des LŽart pour lŽart auf den Krieg« vor. Die Rezension Benjamins gehört nicht nur zu den frühesten, sondern ist auch eine der bedeutendsten Kritiken der sogenannten Konservativen Revolution als Gesamtphänomen. Und man wird sagen können: der Blick, den Helmuth Kiesel in seiner großen Biographie auf Leben und Werk Ernst Jüngers wirft, ist an den noch unausgeschöpften Perspektiven geschult, welche Benjamins Text eröffnet.
Was in Biographien zumeist aufgesetzt wirkt: die Einbettung des betrachteten Lebens in die Zusammenhänge, in denen es sich entfaltete - in Kiesels Buch ist es meisterhaft gelungen. Indem Kiesel die Perspektive Benjamins übernimmt, gelangt er zu erstaunlichen Vorstößen in noch unbetretenes Gebiet, zeichnet in einigen brillanten Abschnitten das noch kaum eingelöste Programm einer Forschung, die es zu unternehmen hätte, mit dem Mut zur Reduktion das 20. Jahrhundert in seiner in das Handeln jedes einzelnen hineinwirkenden Grundkonstellation zu begreifen. Als These ließe sich formulieren: wer Jüngers ästhetizistische Metaphorisierung des Krieges als ideologisch kritisiert, verkennt, daß die totale Ideologisierung des Lebens zu der Zeit, in die Jünger hineinwuchs, objektives Dasein besaß, ja auf unheimliche Weise Allgemeinzustand geworden war. Die neue Historiographie, so Kiesel, sei »genötigt, ein geradezu pathologisch wirkendes Szenarium zu beschreiben, in welchem in einem Klima der Unverantwortlichkeit ein ideologisch oder mentalitätsmäßig begründeter Zwang herrschte und einen Automatismus entstehen ließ, der die politischen Akteure (...) gleichsam zu Marionetten machte und große Teile der Bevölkerung applaudieren ließ.« (S.182)
Wer, um sich zu schonen, und da er schon an den Feuilletons genug hat, keine »glänzend geschriebenen« Bücher lesen mag (als solches wird leider auch dieses wieder beworben); wer Biographien in all ihrer schlechten Metaphysik nicht leiden kann (es wäre eine Arbeit für sich, das Genre der Biographie als zutiefst metaphysisches zu beschreiben), - für die hervorragende wissenschaftliche Prosa dieses Buches sollte in jedem Fall eine Ausnahme gemacht werden. In welcher Weise Ordnungssinn und gedankliche Durchdringung des Stoffes unmittelbar positiv auf die Sprache sich auswirken können - an diesem Buch läßt es sich studieren. Eine der zentralen Denkfiguren des frühen Ernst Jünger betreffend, schreibt Kiesel etwa: »Selbst wenn der Krieg unabdingbar zum Leben gehören und in der Natur des Menschen angelegt sein sollte, müßte man ihn nicht als Inbegriff oder höchste Intensität des Lebens betrachten; er wäre dann eine Fatalität, die uns trotz ihrer beschämenden Unvermeidlichkeit immer wieder bestürzen müßte.« (S.378) Man bezeichne dieses Beispiel nicht voreilig als läppisch, achte vielmehr darauf, wie selten Biographien zu solch präzisen Formulierungen des sei es auch Selbstverständlichen finden. Das Buch ist - ob bewußt? - voller Sentenzen, die in der Erinnerung haften bleiben. Bei der zitierten Stelle handelt es sich um eine von vielen, das ganze Buch durchziehenden Formulierungen, die mit großer Klarheit die Problematik einer »naturalistischen« Geschichtsphilosophie beschreiben, wie sie noch für den späten Ernst Jünger kennzeichnend ist. Dieses Thema ist, wenn auch nicht ausdrücklich, einer der Schwerpunkte der Biographie. Nun sind nicht alle Biographien so gänzlich kunstlos, daß sie auf das reine und als solches ja oftmals tödlich langweilige Nacherzählen des Gewesenen sich beschränken. Wenige aber sind so gekonnt, daß sie, indem sie Erkenntnis vermitteln, im eigentlichen Sinne als »Darstellung« bezeichnet werden dürfen. Darstellung bildet nicht bloß ab, sondern macht verstehbar. Dazu bedarf es in einer Biographie immer wieder der Zerschlagung des vermeintlich linearen Kontinuums namens »Leben«, dessen Schilderung zu einem System der Stauungen und Beschleunigungen, der Vorgriffe und Rückblenden wird. Kiesel wendet das souverän an. Immer wieder auch tritt, nicht zum Schaden des Textes, die Systematisierung des Stoffes nackt zutage, wie S. 284ff. und S. 293ff., wo die »Axiome von Jüngers Frontsoldaten-Nationalismus« und spätere »Präzisierungen und Akzentuierungen« lehrbuchartig - und mit Gewinn für den Leser - aufgezählt werden.
Erkenntnis, auf die die Form der Darstellung jederzeit aus ist, kann, wie in dem angeführten Beispiel der geschichtsphilosophischen Position des frühen Jünger, solche sein, die der spätere Interpret dem Autor voraus hat und durchaus ihm, der in den Diskursen seiner Zeit befangen war, vorhalten darf. In diesem Fall ist Gegenstand der Kritik eine »Geschichtsphilosophie, die sich seit den Zeiten der Aufklärung darin übte, Negativitäten aller Art als Begleiterscheinungen oder gar Schmiermittel des Fortschritts zu betrachten« (S. 524). Auch in dem Widerstandsroman »Auf den Marmorklippen« sieht Kiesel diese Geschichtsphilosophie, »in dem Sinne einer fatalen Tradition, der Jünger mit seiner Zeit anhing« (S. 476), wirksam und formuliert bei dieser Gelegenheit: »Kritik an Jünger und speziell an den Marmor-Klippen auf der Basis einer später entwickelten Ideologiekritik und Poetik ist nicht illegitim, sondern macht auf Aspekte aufmerksam, die prinzipiell prekär sind; sie sollte aber nicht absolut gesetzt, sondern durch die Berücksichtigung des geschichtlichen Standorts relativiert werden.« (S. 477f.) Erkenntnis kann aber auch, im Gegensatz dazu, solche sein, die der Autor dem Interpreten voraus hat - dort versagt die Kritik und ist selber gestrig. So hat Jünger selbst die geschichtsphilosophische Haltung seiner früheren Jahre wenn nicht hinter sich gelassen, so doch in entscheidender Weise modifiziert. »Die Überwindung des Nihilismus«, faßt Kiesel den Standpunkt zusammen, den Jünger 1983 seiner Erzählung »Aladins Problem« zugrunde legt, »beginnt nicht an einem bestimmten Zeitpunkt mit einem allgemeinen Umschlag und gesellschaftlichen Aufbruch; sie beginnt hic et nunc im Bewußtsein des einzelnen.« (S.646) Damit ist eine - wie immer alte und der Tradition verhaftete - philosophische Position umrissen, die noch heute Gehör zu finden verdient, und von der nicht behauptet werden kann, sie sei in allen ihren Voraussetzungen und Perspektiven bereits bedacht.
Das zu beurteilen, ist freilich nicht Aufgabe des Biographen. Auch in dieser Hinsicht wird Kiesel seiner Aufgabe gerecht. Er eröffnet Perspektiven, hält aber auch Grenzen ein. Eines seiner Hauptanliegen ist, haltlosen Urteilen den Boden zu entziehen. Das verwundert nicht angesichts einer Forschung, in der noch immer der Grundton der Verurteilung überwiegt. In einem Exkurs »Jünger und die deutschen Verbrechen der NS-Zeit« bemerkt Kiesel: »Liest man die diesbezüglichen Analysen, die in den letzten zehn Jahren erschienen sind, so gewinnt man den Eindruck, daß alles, was Jünger zu diesem Thema geschrieben hat, mißlich ist: defizitär oder falsch.« (S. 553) Solchen Einseitigkeiten will Kiesel entgegenwirken, ohne andererseits den Versuchungen einer bloßen Apologie zu erliegen. Dieser entschieden auftretenden Vorsichtigkeit ist auch der glückliche Umstand zu verdanken, daß platte Zuschreibungen wie die von Sven-Olaf Berggötz in seinem Nachwort zu dem Band »Politische Publizistik« geäußerte hier nicht vorkommen: der nationalistische Ernst Jünger der zwanziger Jahre sei, vergleichbar etwa mit dem jungen Peter Handke, ein »junger Wilder« gewesen. Kiesel entschuldigt nicht, was moralisch nicht zu entschuldigen ist. Aber er macht Voraussetzungen kenntlich, die Denken und Handeln unter Umständen in einem Maß bestimmen, das den Souveränitätsanspruch des Individuums zur Fiktion erstarren läßt und den Nachgeborenen zur Pflicht macht, mit der Frage nach der Schuld des Einzelnen sehr differenziert umzugehen. Dieses Anliegen bestimmt die Schwerpunkte der Darstellung. Das Hauptgewicht liegt eindeutig auf den früheren, den prägenden Lebensjahren Jüngers: der Kindheit, den Weltkriegserfahrungen, ihrer Verarbeitung im Rahmen von Jüngers »neuem Nationalismus«, der schrittweisen Entfernung davon, zumal unter dem Druck der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, mit welcher Jünger, wie Kiesel darzustellen bemüht ist, zu keinem Zeitpunkt sympathisierte. Diese Gewichtung hat zur Folge, daß zur Hälfte des 670 Seiten umfassenden Textteils, also auf Seite 335, erst Thomas Manns »Deutsche Ansprache« vom 17. Oktober 1930 erreicht ist, bei der Jünger bekanntlich zu den rechtsradikalen Ruhestörern gehörte. An diesem Punkt der Darstellung steht aber nicht nur die Beschäftigung mit dem »Arbeiter« (1932), sondern auch mit der Erstfassung des »Abenteuerlichen Herzen« (1929) noch bevor. Hundert Seiten später ist erst der Essay »Über den Schmerz« von 1934 erreicht, noch einmal hundert Seiten später das Ende des zweiten Weltkriegs. Diese Gewichtung ist natürlich legitim, hat aber zur Folge, daß die Darstellung zum Ende hin trotz der schönen Beschreibung von Jüngers Jahrzehnten im oberschwäbischen Wilflingen an Dichte verliert. Für das überaus wichtige Spätwerk »Die Schere«, das in noch einzuholender Weise Jüngers »Theologie« auf den Begriff bringt, hat Kiesel nur noch einen einzigen kurzen Absatz übrig. Darin spiegeln sich freilich auch die Vorlieben des Germanisten, der den erzählerischen Werken mehr abzugewinnen vermag als der rein philosophischen Reflexion. Hier aber im Namen des »Ästhetischen« Grenzen ziehen zu wollen, wäre problematisch, und wer vollends, mit einem großen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, die ästhetische Betrachtungsweise für ein Unglück hält, wird eher einer Position wie der des Philosophen Peter Koslowski sich anschließen, der Jüngers Werk im ganzen als eine dichterisch gestaltete Philosophie der Moderne deutet. Kiesel hält das für »nicht ganz unberechtigt«, aber für »kühn« (S. 14). Fest steht, daß die Erkenntnisqualität des Ästhetischen nicht zu trennen ist von einer Erkenntnis des Ästhetischen selbst, die als solche Philosophie wäre und als solche sich auszuweisen hat. Die neuere Philosophie bestätigt das insofern, als sie immer deutlicher die gemeinsamen Strukturen von Bild und Begriff, von Mythos und Logos herausarbeitet; die Literatur, insofern der Zerfall ihres Formenkanons im Prozeß der Moderne die Bedeutungen freisetzte, welche nun, als freischwebende, dem unmittelbaren Zugriff durch »Erlebnis« ausgesetzt sind.
Hier wird der Text Walter Benjamins von 1930 bedeutsam. Die Hauptthese nämlich, von Kiesel nicht zitiert, lautet: »Der Krieg in der metaphysischen Abstraktion, in der der neue Nationalismus sich zu ihm bekennt, ist nichts anderes als der Versuch, das Geheimnis einer idealistisch verstandenen Natur in der Technik mystisch und unmittelbar zu lösen, statt auf dem Umweg über die Einrichtung menschlicher Dinge es zu nutzen und zu erhellen.« Diese fundamentale Kritik der Unmittelbarkeit als Kategorie, und damit des Ästhetischen als solchen, träfe, durchgeführt, noch den spätesten Jünger, der von den Phantasmagorien der sogenannten Konservativen Revolution längst sich abgewandt hat; sie böte aber zugleich auch allein die Möglichkeit, Jüngers »Transzendenz zum Theologischen« gerecht zu werden, die doch wohl mehr zu sein behauptet als bloße »Zutat«, die ins rein Ästhetische jederzeit sich zurückbiegen ließe. Kiesels Darstellung bleibt, diese Fragen betreffend, auf eigentümliche Weise in der Schwebe, wohl auch den Grenzen entsprechend, die der Biograph sich gesetzt hat. Es zeigt sich immerhin, daß auch die vollkommenste Biographie - und Kiesels Buch wird, so der erste, noch frische Eindruck, tatsächlich, und wahrscheinlich auf lange Sicht, dem Anspruch des Untertitels gerecht, die Biographie zu sein - nicht das letzte Wort sein kann, das über das Werk Ernst Jüngers zu sprechen ist.
Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie, Siedler Verlag, München 2007, 720 Seiten, ISBN 978-3-88680-852-6, 24,95
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