[Juenger-list] TAGESPOST zur Konversion Jüngers

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Fri Sep 29 14:06:22 EDT 2006


herzliche grüße rundum, tw

[© Die Tagespost vom 23.09.2006]


Am Ende immer nach Hause: Zur Konversion von Ernst Jünger vor zehn Jahren

Von Ingo Langner

WÜRZBURG, 29. September 2006 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wer war Ernst Jünger? Diese Frage ist von vielen gestellt worden, und viele haben sich an einer Antwort versucht. Die Liste mit den Etiketten, die man ihm angehängt hat, ist lang und widersprüchlich. War Jünger ein Militarist oder gar ein Präfaschist? War er ein Dandy, oder ein eiskalter Genüssling der Barbarei? Sich selbst hat der Langlebige als Krieger, Anarch und Waldgänger gesehen. Noch mit Hundert hat er ein Buch veröffentlicht. Jünger hat Käfer gesammelt und Sanduhren. Wie die Natur bei den Käfern auf kleinstem Raum wahre Wunderwerke vollbringt und eine Form geschaffen hat, die unverändert oft schon seit Jahrmillionen existiert, hat ihn ebenso fasziniert wie das Verrinnen der Zeit.

Ernst Jünger ist im ersten Weltkrieg dem Tode mehr als einmal sehr nahe gekommen und schien doch – oder gerade deswegen? – unsterblich zu sein. Im Alter von 101 ist der Mann mit den vielen Eigenschaften zur römisch-katholischen Kirche übergetreten. Das soll am 26. September 1996 gewesen sein. Also vor zehn Jahren. Warum hat Jünger so lange für seine Konversion gebraucht? Hat Gott ihm deshalb soviel Lebenszeit gegeben, damit er letztendlich doch noch zur Wahrheit findet?

Zwar sprechen Konvertiten häufig und gern von jenem Moment, in dem sie Gott erkannten. Das hat der heilige Apostel Paulus ihnen vorgelebt. Aber ein Rest des Schweigens bleibt in aller Regel doch. So haben alle Konversionen ihr Geheimnis und bewahren es. Vielleicht für jenen Moment, in dem sie Gott von Angesicht zu Angesicht schauen dürfen. Wer kann das wissen?

Ernst Jünger hat über seine Konversion kein öffentliches Wort verloren. Wäre da nicht das Begräbnis nach römisch-katholischem Ritus gewesen, wüsste möglicherweise niemand von diesem Schritt. Jüngers Schweigen ist erstaunlich, weil der am 29. März 1895 Geborene bis zu seinem Tod am 17. Februar 1998 nahezu sein gesamtes Leben zu einer öffentlichen Sache gemacht hat. Denn Jünger schrieb Prosa, Essays und Texte zur Zeitgeschichte, doch vor allem schrieb er Tagebuch. Die zu Literatur verdichteten Tagebücher sind sein eigentliches Hauptwerk. Was immer seine Wegbegleiter, Kritiker, Freunde und Verächter über ihn zu sagen hatten, in diesem Punkt waren sich alle einig und sind es noch.

Schon sein Erstling „In Stahlgewittern“ ist aus den täglichen Notizen hervorgegangen und heißt dann im Untertitel auch folgerichtig „Aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers“. Dieses Buch ist im Oktober 1920 zuerst im Selbstverlag veröffentlicht worden. Es hat den hoch dekorierten und mit dem „Pour le Merite“ ausgezeichneten Leutnant des Ersten Weltkriegs auf einen Schlag bekannt gemacht und ist bis heute sein umstrittenstes Werk geblieben.

„Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern, was ein Infanterist als Schütze und Führer während des großen Krieges inmitten eines berühmten Regiments erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es ist entstanden aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Tagebücher. Ich habe mich bemüht, meine Impressionen möglichst unmittelbar zu Papier zu bringen, weil ich merkte, wie rasch sich die Eindrücke verwischen und wie sie schon nach wenigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Heldenkollektion vor, ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war.“ Wir zitieren so ausführlich aus dem Vorwort, weil Jünger schon dort sein „Programm“ formuliert hat, das er bis zur Schwelle des Todes nicht mehr verändern sollte. Schon hier stellt er fest, dass es ihm um Wahrheit geht und nicht um Fiktion.

Jünger hat immer wieder betont, dass der „große Krieg“, dieses vierjährige Schlachten, ihn, wie seine ganze Generation, für immer geprägt habe. Unmittelbar an der Westfront und mehr als zehnmal verwundet, wusste er, wovon er schrieb. Was eine spätere Zeit – und mancher Kommentator bis heute – verlangte, war jedoch nicht der kühle Blick des agierenden Beobachters, sondern eine Parteinahme gegen den Krieg an sich. Doch noch jeder, der Jüngers Erstling ohne ideologische Scheuklappen liest, ist von der luziden Sprachmächtigkeit, mit der das Grauen beschrieben wird, tief beeindruckt. Ideologie ist immer ein schlechter Ratgeber. Im Falle Jüngers gilt dieses Diktum erst recht.

Wer auch immer aus dem Nationalrevolutionär der zwanziger Jahre einen Nationalsozialisten machen wollte, hat am Ende einsehen müssen, dass Jünger nie ein Anhänger Hitlers war. Kurz nach dessen Einzug in die Reichskanzlei verließ Jünger Berlin. Er widerstand jedem Versuch, ihn in die Nähe der Massenmörder zu ziehen. Ihren Avancen wich er geschickt aus. Er war nie Mitglied der NSDAP, nahm das ihm sogar zweimal angebotene Mandat eines Reichstagsabgeordneten für diese Partei nicht an, und seine Berufung in die „gesäuberte“ Deutsche Akademie der Dichtung lehnte er 1933 ab. Wer von jenen, die in der Bundesrepublik in mehr als einer Kampagne Jünger diskreditiert haben, hat soviel Widerstandsgeist gegen die NS-Diktatur aufgebracht?

Wie schon am Ersten, so hat Ernst Jünger auch am Zweiten Weltkrieg teilgenommen, und wieder beschreibt er, was er erlebt. „Strahlungen“ ist jetzt der Titel der Tagebücher, und mit seinem schmalen Roman „Auf den Marmorklippen“, der 1939 noch vor Kriegsbeginn fertig gestellt und veröffentlicht wurde, ist Jünger bereits während der Nazidiktatur zu einem ihrer entschiedenen Gegner geworden. Der Londoner „New Statesman and Nation“ beschrieb dieses Werk so: „Was Jünger in diesem ungewöhnlichen Buch darstellt, ist der Zusammenbruch einer Kultur, jeder Kultur. Die Methode, die er dabei anwendet, ist dem Traum verwandt, einem Traum von außerordentlicher visionärer Klarheit und Leuchtkraft, aber auch den verschiedenen Schichten des Traumes und seiner Verschmelzung symbolischer Bilder, seiner verwirrenden Vorspiegelung, wirklicher zu sein als die tagwache Wirklichkeit.“

Uns gefällt diese brillante Analyse deshalb so gut, weil sie luzide den Kern der „Marmorklippen“ analysiert. Es sind nämlich in der Tat gerade die Träume, die den Jüngerschen Blick auf die Welt, ja wohl sogar seine Haltung ihr gegenüber geprägt haben. In seinen Träumen hat Jünger nämlich sehr viel gesehen. In denen der Nacht ebenso, wie in denen des Tages. Er hat seine Träume immer wieder beschrieben, und oft genug vermag der Leser kaum anzugeben, wo genau in den vielbändigen Tagebuchnotaten – nach den „Strahlungen“ folgte bekanntlich „Siebzig verweht“ – die Grenze zwischen Traum und Realität zu ziehen ist. Wir wagen sogar die Behauptung, dass Ernst Jünger diesen Grenzverlauf manchmal selbst nicht mehr zu bestimmen wusste. Möglicherweise geht Jüngers Grenzgängertum auf dieser Linie aus den unauslöschlichen Eindrücken hervor, die die unmittelbar erlebte Todesnähe auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges auf ihn gemacht hat. Vielleicht ist Jünger über die Träume zur katholischen Kirche gekommen. Gott hat diese Form der Botschaftsübermittlung bekanntlich schon immer besonders geschätzt. Die Traumgeschichten der Bibel sind berühmt, und viele davon sind in die Weltliteratur eingegangen.

Aber nicht nur in seinen Träumen war der Schriftsteller auf jenem schmalen Grad zu Haus, der zwischen „hier und dort“ verläuft. Welche Rolle Alkohol und Halluzinogene bei den Wanderungen in diesem Grenzbereich in der Menschheitsgeschichte gespielt haben, hat Jünger in seinem Buch „Annäherungen. Drogen und Rausch“ hellsichtig beschrieben. Seine eigenen Erfahrungen mit diesen Stoffen reichen bis in die Zwanziger Jahre zurück.

Wie sehr sich Jünger bei seinen Niederschriften dieser Experimente vom Uralten inspirieren und leiten lässt und gleichzeitig ironisch den Abstand markiert, der zwischen dem eigenen und jenem Zeitalter liegt, macht der folgende kleine Absatz deutlich. Dabei geht es um eine LSD-Sitzung des immerhin schon über Sechzigjährigen mit Albert Hoffmann, dem Erfinder dieser Substanz: „Ein hohes, mit destilliertem Wasser gefülltes Messglas stand auf dem Tisch. Der Hausherr als Symposiarch ließ Spuren einer farblosen Flüssigkeit hineintropfen, die sich sofort auflöste. Auch bei den Alten wurde, schon deshalb, weil das Gelage lange dauern sollte, der Wein stark mit Wasser verdünnt. Ihre Mischkrüge zierten Kränze von Reben und Lorbeerblättern und vor allem mythische Szenen, die jedem vertraut waren. Dem unseren war nur eine Skala eingeritzt.“

Wer Ernst Jünger „auf den Punkt“ bringen möchte, muss zwangsläufig scheitern. Denn er entzieht sich jedem Schubladendenken. Diese Erkenntnis muss uns auch bei der Frage nach seiner Konversion genügen. Dennoch möchten wir abschließend mit noch einem Zitat aufwarten, dass uns das Dunkel des jüngerschen Übertritts in die römisch-katholische Kirche vielleicht doch ein wenig erhellt: „Jeder Genuss lebt durch den Geist. Und jedes Abenteuer durch die Nähe des Todes, den es umkreist. Ich entsinne mich eines Bildes, das ich gesehen habe, als ich kaum lesen gelernt hatte, und das ‚Der Abenteurer’ hieß: ein Seefahrer, ein unbeugsamer Konquistador, der den Fuß auf den Strand einer unbekannten Insel setzt. Vor ihm ein Furcht erweckendes Gebirge, sein Schiff im Hintergrund. Er ist allein.“

Wollte „der Seefahrer und unbeugsame Konquistador“ am 26. September 1996 zurück nach Haus? War Ernst Jünger seiner hundertjährigen Einsamkeit endgültig müde geworden? Ist das nicht nur ein schöner Gedanke, sondern auch ein treffender? Auch wenn er dem Sentimentalen gefährlich nahe kommt, und dieses Genre hat Jünger bekanntlich niemals gepflegt. Aber ist es nicht so: Am Ende zieht uns unser Ursprungsort mächtig an, und der ruht bekanntlich bei Gott, was immer hart gesottene Atheisten dagegen einwenden mögen.



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