[Juenger-list] JF: Rezension Benn/Jünger und Lethen/Benn
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Wed Mar 15 17:10:51 EST 2006
JUNGE FREIHEIT 12/06 17. März 2006, S. 27 LITERATUR
Kalte Menschen und verbale Pillendreher
Zwei Neuerscheinungen kündigen den fünfzigsten Todestag des Berliner Lyrikers
Gottfried Benn im Juli 2006 an
Eberhard Straub
Der Dichter und
seine Zeit, die beliebte Formulierung welche Harmlosigkeit, welche
glatte Sicherheit in Bereichen, in denen alles fragwürdig ist, warnte
1930 Gottfried Benn. Denn was ist die Zeit? Ist künstlerische Größe überhaupt
historisch wirksam? Und wie ist es mit dem historischen Prozeß: kann er, kann
jemand für ihn fordern, daß ihm die Kunst oder die Erkenntnis dient? Fragen
über Fragen, die Gottfried Benn, der sich dem bürgerlichen Entwicklungsgedanken
des 19. Jahrhunderts entschlossen verweigerte, immer wieder beschäftigten.
Helmut Lethen,
inzwischen emeritierter Germanist in Rostock, ließ sich nicht von solchen
Einwänden entmutigen. Beherzt behandelt er pauschal Gottfried Benn und
seine Zeit. Immerhin eine Zeit, in der sich die alten Sicherheiten der
bürgerlichen Kultur und der Bürgerlichkeit als Lebensform auflösten.
Anderenteils raunt der Obertitel vom Sound der Väter und weckt
Erinnerungen an Jazz und Lyrik, wie sie vor fünfzig Jahren kombiniert wurden.
Eine Biographie im herkömmlichen Sinne beabsichtigte er nicht zu schreiben.
Kalenderstrecken zum Leben Gottfried Benns und
Ruheplätze, um die unheimlichen Nachbarschaften aufzuzeigen, in
denen die Essays und Gedichte stehen, wechseln einander ab.
Aus dem verspielten
Umgang mit dem Hauptthema und den aus ihm entwickelten Leitmotiven und ihren
improvisierten Variationen soll sich allerdings das Psychogramm einer Epoche
ergeben. Welcher Epoche wird nicht weiter gesagt, denn die Lebenszeit Gottfried
Benns umspannt mehrere Epochen mit ihrem Zeitgeist, ihren kollektiven
seelischen Spannungen. Aber wir haben gelernt, in postmodernen Zeiten die Worte
nicht unbedingt mehr beim Wort nehmen zu müssen. Sie sind Anreize, Signale, sie
wollen nur etwas im Hörer zum Klingen bringen oder dem Leser einen Assoziationsraum
öffnen.
In einem solchen
Wortverständnis nennt Lethen etwa die Bereitschaft Benns, 1933 die eugenische
Sprache der Nationalsozialisten die auch von guten Demokraten damals
gebraucht wurde und von ihnen längst wieder benutzt wird aufzugreifen
oder die Säuberung der Akademie der Künste von regimefeindlichen Künstlern
hinzunehmen, kurz und bündig ein Verbrechen. Nicht um den Tatbestand mit
Hilfe einer juristischen Definition festzustellen, sondern um ihm Kontur zu
geben. Mit konturierten Sachverhalten kann man wie mit Gegenständen
umgehen. Man braucht sie nicht unbedingt mit einer unauslotbaren
Vorgeschichte und einer nicht enden wollenden Nachgeschichte zu
versehen. Unter solchen Voraussetzungen kann Gottfried Benn umstandslos
1934 zum bekennenden Antifaschisten werden und darf seitdem als kritischer Kopf
melancholisch durch Schattenreiche wandeln, die sich als gewaltige Zeiten
feiern lassen, nicht ohne zu vergessen, in wunderbaren Reimen zusammenzufassen,
was ihn bekümmert und bedrückt.
Nichts im Leben
Gottfried Benns irritierte so sehr wie seine kurzfristige Parteinahme für die
nationale Bewegung und den neuen Staat. Sie hat
eine Nachgeschichte zu der die Legende gehört, er hätte sich an der
Säuberung der Akademie der Künste beteiligt und vor allem eine
Vorgeschichte, die gar nicht gründlich untersucht ist und die Helmut Lethen
überhaupt nicht interessiert. Gottfried Benn war eben ein Irrender. Aber warum
irrt sich ein kluger Kopf und großer Ästhet und wird zum begeisterten Nationalsozialisten?
Warum gilt ein rasch enttäuschter Nationalsozialist, von der Partei
geschurigelt und dem Publikationsverbot unterworfen, als
Nazi-Dichter in der Nachkriegszeit, während der doch allen
möglichen Kämpfern und Parteigenossen die Chance eingeräumt hatte, Wunder zu
wirken und dem allerneuesten Staat Weihen zu verleihen, an die
Bundesrepublikaner von der strengsten Observanz wie an religiöse Offenbarungen
glauben?
Was die Sache noch
spannender macht: Der Dichter mit Berufsverbot, der in der Wehrmacht
untertauchte, ließ sich auch nach 1945 nicht darin beirren, daß der
Nationalsozialismus ein echter und tiefangelegter Versuch gewesen
sei, das wankende Abendland zu retten. Ungeeignete und kriminelle
Elemente bekamen leider rasch das Übergewicht, was nicht vorauszusehen war. Das
sind sehr ungewöhnliche und erklärungsbedürftige Worte, gerade im Milieu der
Bundesrepublik, die zur Lüge nahezu herausforderte.
Die Dinge zu
verstehen, heißt sie zu komplizieren. Helmut Lethen weicht den Schwierigkeiten
aus und zieht den Sound und die zu ihm gehörenden Klischees vor.
Benn ist so kalt, und ach, wie kalt sind manche seiner Zeitgenossen, wie kalt
ist die Welt, ob aus der rechten Fankurve oder der linken betrachtet. Das
bekümmert ihn auf Ruheplätzen. Doch was heißt schon Kälte, wenn
es um ein Kunstwerk geht? Richard Strauss, der Musiker, riet immer dazu, den
eigenen Gemütsaufwallungen zu mißtrauen und mit kühlem Kopf zu arbeiten. Hugo
von Hofmannsthal sah es nicht anders. Kunst ist Arbeit im Labor, Sezierung,
Beobachtung das naturwissenschaftliche Vokabular des
Arztes Benn war beiden vertraut. Auch sie wollten experimentell die eigenen
Springbrunnen hochwerfen und mit ihrem Steigen und Fallen Echowände schaffen.
Die
mathematisch-statistischen Naturwissenschaften für Wissenschaften zu halten,
kam Gottfried Benn nie in den Sinn. Für ihn gab es nichts Verträumteres als den
Darwinismus, den praktischen Traum der Utilitaristen, die im Individuum nichts
weiter sehen als Muskulatur, Ware, Schlacke und Geschäft. Das verband ihn mit
Ernst Jünger und Carl Schmitt. Beide hält Helmut Lethen selbstverständlich für
kalt und formalistisch. Gehört er als Kenner der kalten Moderne etwa zu denen,
die den Drang zur Form als minderwertig-mediterran auffassen, wie Benn spottete,
Klarheit für widernatürlich und Begriffsleben für unreligiös halten? Solchen
Kulturträgern unterstellte Benn, nach einer Notverordnung für Deutschland zu
streben: Denken ist zynisch, es findet hauptsächlich in Berlin statt, an
seiner Stelle wird das Weserlied empfohlen.
Der Rostocker
Emeritus erläutert beiläufig, daß es erstaunlicherweise auch unter den
warmen Linken kalte Menschen geben kann. Aber Benn, Jünger,
Schmitt scheinen ihm der Phänotyp des deutschen Mannes aus dem Zeitalter der
Neurasthenie zu sein, aus dem Zeitalter des Wilhelminismus. Immer soldatisch
angestrengt um Form bemüht, asketisch besorgt, das Gesicht zu wahren, um
satisfaktionsfähig zu bleiben und nicht als effeminiert wegen schwacher Nerven
aufzufallen. Gottfried Benn hatte schon 1920 solche nationalen Begründungen
beiseite geschoben: Gab es überhaupt noch Völker? War überhaupt noch
etwas nicht europäisch vor dem Krieg? Die Nerven spürten alle Europäer,
die sich bald an die Neurosen gewöhnten, die unser Leben erst interessant machen.
Gottfried Benn, Carl
Schmitt und Ernst Jünger sind längst zu europäischen Phänomenen geworden und
damit den Konstruktionen ideologischer Heimatkunde im Geltungsbereich des
Grundgesetzes entrückt. Die drei sind kein besonderes Trio infernal deutscher Provenienz.
Benn schätzte Carl Schmitt als phantasievollen Rechtsdenker, in Ernst Jünger
erkannte er nur einen verbalen Pillendreher. Er war sehr verärgert, immer mit
ihm verglichen zu werden, nur weil sie politisch keine Gegner waren. Darüber
unterrichtet der spärliche Briefwechsel mit Ernst Jünger, der jetzt vorzüglich
kommentiert vorliegt. Gottfried Benn wahrt die Höflichkeit. Ganz unwillkommen
ist ihm dieser Pillendreher für die Ausstattung einer geistigen Hausapotheke
mitten im Kalten Krieg überhaupt nicht. Benn ist ein kalter Krieger, ein
Adenauer-Deutscher, ein Westdeutscher schlechthin, wie Ernst Jünger. Aber
dennoch blieb Ernst Jünger für ihn eingebildet, wichtigtuerisch, stillos,
sprachlich unsicher und charakterlich unbedeutend. Kein schlechtes Urteil.
Carl Schmitt hatte
sich bald nach dem Krieg mit Jünger überworfen. Der Prophet Ernst Däublers und
Exeget des streng- katholischen Konrad Weiß amüsierte sich meist über den
Gottfried und dessen pietistischen Kult des Individuums, das vor den Abgründen sich
mit Kaffee und Streuselkuchen beruhigt. Solche Vorbehalte schlossen
kameradschaftliche Stimmungen nach dem Zusammenbruch unter den
drei Intellektuellen nicht aus. Sie waren sich mit Benn wenigstens darin einig:
Ein wirklicher Gedanke ist nie zersetzend, sofern sich in ihm trotz des Truges
der Einzelheiten und der wechselnden Wirklichkeiten eine wirksame Kraft
bemerkbar macht. Helmut Lethen hat freilich Angst vor Gedanken, weil er Angst
hat vor dem Wahn der Wirklichkeiten und dem tiefen Ich, das von trügerischen
Einzelheiten längst ermüdet unter Umständen keinen Halt im
Verfassungspatriotismus oder im Menschenbild des Grundgesetze findet. Deswegen
fürchtet er sich auch vor dem Rat Gottfried Benns: zuweilen aufs Wasser zu
sehen und das Abwartende zu pflegen, das Auswirkenlassen des Seins. Denn dieser
Rat könnte zu politisch unkorrektem Verhalten verleiten und dem lyrischen Ich
gefährlich werden. Und gerade das kann nicht die Aufgabe der Lyrik sein.
Helmut Lethen: Der
Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit. Verlag Rowohlt. Reinbek. 2006,
gebunden, 304 Seiten, 22,90 Euro
Holger Hof (Hrsg.):
Gottfried Benn Ernst Jünger. Briefwechsel 19491956. Verlag
Klett- Cotta. Stuttgart 2006, gebunden, 128 Seiten, 14,50 Euro
--
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG
unsere Angebote (ZVAB, Amazon und Booklooker) finden Sie hier:
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html
einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192
More information about the Juenger-list
mailing list