[Juenger-list] Ernst Jünger / Walter Flex: Der erste Weltkrieg als Medium der Gegenmoderne
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Tue Jun 13 02:16:39 EDT 2006
schöne grüße vom sommersonnigen waldhof tiefendorf, tw-
Koch, Lars: Der erste Weltkrieg als Medium der Gegenmoderne. Zu den
Werken von Walter Flex und Ernst Jünger (= Epistemata - Würzburger
wissenschaftliche Schriften 553). Würzburg: Verlag Königshausen &
Neumann 2005. ISBN 3-8260-3168-7; 387 S.; EUR 49,80.
Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Jost Dülffer, BMW Center for German and European Studies (CGES),
Georgetown University
E-Mail: <duelffer at georgestown.edu>
Der Autor dieser in Groningen entstandenen, wohl aber vor allem in
Siegen von Georg Bollenbeck betreuten Arbeit sucht einem viel
behandelten Themengebiet neue Aspekte abzugewinnen. Er setzt ein mit
einem grundlegenden Abriss der Modernisierung, abgesetzt von der
wertgebundenen Moderne, gebraucht letzteren Begriff dann aber doch
durchgehend. In deren Sinnlücken habe die Gegenmoderne Angebote der
Deutung gefunden und ausgefüllt. Das meint mit Ulrich Beck den zutiefst
modernen Versuch integrierender Sinngehalte, Heimatlosigkeit,
Zweideutigkeit und Zweifel zu neuer literarischer Eindeutigkeit zu
bringen.( S. 189). Koch spannt sein Netz der Moderne zwischen den
Faktoren Differenzierung (mit Émile Durckheim), Rationalisierung (mit
Max Weber), Individualisierung (von Beck, Giddens aus zurückgebunden auf
Georg Simmel)und Technisierung (in Anlehnung an Ludwig Klages).
Die Literaturwissenschaft und reine Diskursanalyse überschreitet Lars
Koch glücklich mit der Orientierung an Reinhard Kossellecks
Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, somit auf die soziale und
kulturelle Konstruktion in der Gesellschaft eingehend. Ob und wie dieser
Rahmen nicht nur klug angelesen, sondern auch für die eigentlich
Untersuchung erkenntnisfördernd ist, sei dahin gestellt. Seine beiden
Protagonisten, die nacheinander abgehandelt werden, sind nur bedingt zu
vergleichen. Der sehr viel ältere Walter Flex (1887-1917) behielt Teile
seines vor dem Krieg im bürgerlichen Hause geformten Weltbildes in
seinen literarischen Werken bei, während sich Ernst Jünger (1895- 1998)
sein Weltbild im Krieg ganz anders erarbeiten konnte und musste. Während
Flex naturgemäß seinen Wanderer zwischen zwei Welten im Krieg
publizierte (nur wenige andere Texte kamen hinzu) fing Jünger erst 1920
an, seine Texte zu produzieren, im wesentlichen etwa ab dem Jahr 1925 in
einem Lernprozess den Krieg einzuordnen; dieser Vorgang wird bis 1932
weiter verfolgt. Die beiden Lebensbeschreibungen bei Koch, 36 bzw. 15
Seiten lang, beobachten scharf, ordnen mit großem Bogen ein.
Der Kern des Buches liegt jedoch auf einer Werk-Zeit-Analyse. Walter
Flex war beseelt von der Idee einer Volksgemeinschaft, die sich gerade
im Kriege herstellte. Das Individuum hatte sich dem ganz zu unterwerfen,
seine Erfüllung im Aufgehen für diese Gemeinschaft zu finden und damit
letztlich auch im Tod als sinngebendem Erlebnis. Tod wird zum vitalen
Erlebnis gerade bei dem im Buch geschilderten Freund Ernst Wurche.
Führertum wird zur entscheidenden Größe, religiöse Überhöhung kommt
hinzu. Besonders bemerkenswert sind die Deutungen zu Körperkult und
Natur: Nacktheit der Männer in der Natur wird zum Kennzeichen von
Reinheit, das Triebleben wird sublimiert und in den Krieg getragen und
dort verwirklicht. Das war anschlussfähig gerade für die Jugendbewegung.
Von den schrecklichen Umständen des industrialisierten Massenkriegs,
wie er sich seit dem September 1915 vor allem in den kahl geschossenen
Schlachtfeldern Belgiens und Frankreichs in besonders drastischer Form
manifestierte, ist in der anachronistischen Repräsentationsmatrix des
gebildet-jugendbewegten Kriegsdiskurses à la Flex nichts zu vernehmen
(S. 175).
Bei Ernst Jünger, der kurz vor dem Krieg, von Afrika begeistert, in der
französischen Fremdenlegion gedient hatte dies wurde schnell
enttäuscht wird die Materialschlacht und der tausendfach erlebte Tod
zwar wahrgenommen, aber in einen wenig gesellschaftsbezogenen Kontext
eingebettet. Gegen den Einbruch des gänzlich unromantischen
Realitätsprinzips um die Aufrechterhaltung der Fiktion eines heroischen
Lebensplans kämpfen und zugleich um die unheldische Degradierung des
Menschen zum bloßen Rohstoff der Kriegsmaschinerie fürchtend,
entwickelte Jünger in seinem Frühwerk unterschiedliche
Deutungskonstrukte, um den erlebten Bedeutungsnotstand der
Materialschlacht in einer entziffernden Annäherung an die tieferen
Rätsel des Krieges sinnhaft aufzuheben (S. 221). Das führte, wie der
Autor im einzelnen schlüssig entfaltet, zu den Leitbildern von
Stosstruppführer und Landsknecht. Das nationalrevolutionäre Ziel einer
Mobilmachung mit Verwendung aller Mittel der Technik, die bei den
Kriegsgegnern, nicht aber im Deutschen Reich vorhanden gewesen sei,
deutete neue gesellschaftliche Orientierungen an. 1930/1932 streifte
Jünger aber seine bürgerliche und nationale Gebundenheit ab zum
(Leit)Bild des Arbeiters, der ganz im Dienste der neuen
industrialisierten Kriegführung stehen werde. Koch benennt dies als
planetarischen Anspruch, der naturgemäß 1933 in Deutschland nicht sehr
populär sein konnte. Jüngers geschichtsphilosophische Spekulation aus
dem Ersten Weltkrieg sei somit an ihr Ende gelangt. Damit ist für
Jünger die Suche nach dem Sinn nationalstaatlicher Konflikte unter den
Bedingungen der Moderne in die Erkenntnis eingegangen, dass der
Nationalismus eine überholte Fragestellung ist (S. 330).
Summierend (je in einem Zwischenergebnis zur Verortung der Autoren in
der Gegenmoderne): Flex sei tief im Bildungsbürgertum verankert, der
Krieg sei von ihm als eine Art Katharsis dieser Gesellschaftsformation
gesehen worden und auch er sei auch so rezipiert worden. Jünger dagegen
habe sich zur Feldherrenhöhe des Arbeiters entwickelt (S.331).
Modernisierung und Modernisierung der Barbarei müssten sich so mit
Ulrich Beck nicht gegenseitig ausschließen (S. 333). Soweit wie hier
referiert, leistet Koch eine kluge und nützliche, wohldurchdachte
Analyse, die im historischen Kontext nicht ganz neu ist. Er selbst
zitiert auch die Protagonisten bis zu Jeffrey Herf und Zygmunt Baumann.
Vielleicht hätte Lars Koch hier weniger vergleichen sollen, sondern den
diachronen Ablauf der unterschiedlichen Deutungen hervorheben sollen.
Bei allen im Kern richtigen und nachvollziehbaren Beobachtungen: es
macht einen fundamentalen Unterschied aus, wenn ein Autor wie Flex
mitten im Krieg schreibt oder sich wie Jünger erst nach dem Krieg an die
Textproduktion macht und dabei seine Einschätzungen ständig erweitert
und verlagert.
Ich habe weiter einige Schwierigkeiten bei dem Kriegsbild, das Koch
entwirft. Er weiß, wie schrecklich Krieg, Materialschlachten etc. sind
und misst seine Autoren doch daran, wieweit sie dieser doch auch wohl
- Konstruktion des dritten Jahrtausends nahe kommen und gerecht werden.
Das ist gerade angesichts der doch sonst vorherrschenden Diskursanalyse
zwar verständlich, aber nicht unproblematisch.
Schwierigkeiten als Historiker habe ich mit dem
literaturwissenschaftlichen Ehrgeiz und wohl auch der Fachdisziplin des
Autors. Gerade in den rahmenden Kapiteln muss er alles und jedes klug
einordnen, Vorbilder der Geistesgesichte aufdecken und literarische
Anspielungen anbringen. Die Anmerkungen strotzen von einer additiven
Gelehrsamkeit, die alles und jenes noch einmal kommentiert. Er schreibt
etwas Wissenschaftshistorisches: dazu die Anmerkung, man müssen
eigentlich zu Bacon, Galilei und Newton zurückgehen (S. 193f). Zumeist
sind es aber Zitatschnipsel heutiger Autoren oder deren Buchtitel, die
zumal in den ersten Kapiteln und im Schluss auffallen, wo er relativ
beliebig- nochmals zwei politische Propagandabilder vorführt, die für
seine beiden Autoren charakteristisch sein sollen. Warum dies?
Dieses Buch ist das letztendliche Ergebnis... lautet die erste Zeile.
Hätte es nicht einfach nur ein Ergebnis sein können? Das setzt sich
fort: Kaum ein Substantiv steht für sich, fast immer steht ein
einordnendes, zensierendes, weiterführendes Attribut dabei. Das führt zu
durchgehend substantivischem Stil, oft mit Wortendungen auf -ung.
Weniger wäre hier mehr gewesen. Im Mittelpunkt der bildungsbürgerlichen
Krisenwahrnehmungen standen in erster Linie normative Umwälzungen (S.
7) damit umschreibt er Max Webers Entzauberung der Welt. Nutzte der
Autor doch gelegentlich auch eine solche Sprache! Was Lars Koch an
Walter Flex beobachtet, lässt sich leicht auf ihn in gewandelter Form
anwenden: Wenn Flex von einem bildungsbürgerlichen Bestreben getragen
war, seine Erlebnisse im Krieg in diesen Hintergrund und in dieser
Sprache einzuordnen, gilt dies auch für den Wissenschaftsjargon des
heutigen Germanisten: Er muss das Offenkundige auch noch allen klugen
Vorgängern und heutigen Autoritäten nochmals verbal abringen und
nachschreiben. Dabei hat er doch so viel Wichtiges und Neues zu
berichten und zu beobachten.
Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv at geschichte.hu-berlin.de>
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