[Juenger-list] Berliner Zeitung: 30.01.2006: So kritisiert man Hitler von rechts: Briefwechsel Jünger - Hielscher
Tobias Wimbauer
wimbauer at web.de
Sun Jan 29 14:31:47 EST 2006
schöne grüße rundum, tw
Berliner Zeitung, Montag, 30. Januar 2006
Meister gegen Führer
So kritisiert man Hitler von rechts: der Briefwechsel zwischen
Ernst Jünger und Friedrich Hielscher
Steffen Martus
Nach Ernst Jüngers Tod im Jahr 1998 haben sich alle mit ihm
ausgesöhnt. Verstummt sind die Kritiker, die immer wieder an
die rechtsradikale Vergangenheit des Autors erinnert und auch
das Gesamtwerk in braun-dumpfem Licht gesehen hatten. Die
Leser treten dem Methusalem der deutschen Literatur seitdem
eher interessiert denn engagiert gegenüber. Er ist zu einer
historischen Gestalt geworden, zu einer Jahrhundertfigur, die
jenseits von Gut und Böse steht.
Fast kurios wirkt inzwischen die Tatsache, dass Jünger als ein
Extremist gelten muss, dem in den späten 1920er Jahren
Hitlers NSDAP wie ein netter Bürgerverein vorkam. Kampf und
Tod und Blut gehören zu den Insignien von Jüngers
nationalistischer Propaganda, die über das Leben einzelner
Menschen leichtfüßig hinweg schreitet. Man sollte dies nicht
vergessen. Die bisweilen brillante Prosa des
Kriegsschriftstellers, die blitzartigen Erkenntnissplitter der
surrealistischen Fragmente im "Abenteuerlichen Herzen", die
eiskalten Diagnosen der Moderne - sie stammen von
demselben Autor, der die Morde an Rathenau und Erzberger für
geboten und die Inhaftierung der Mörder für einen Skandal hielt.
Allerdings weiß man noch immer sehr wenig darüber, wie aktiv
Jünger in der Weimarer Republik tatsächlich gewesen ist. Dies
liegt auch daran, dass er 1933 aus Anlass einer
Hausdurchsuchung durch die Gestapo wichtige Dokumente
vernichtet hat. Deshalb ist die Herausgabe des Briefwechsels
mit Friedrich Hielscher aus den Jahren 1927 bis 1985 von so
großer Bedeutung: Durch sie und durch die beigefügten
Dokumente, die der Kommentar von Ina Schmidt und Stefan
Breuer sorgfältig und kenntnisreich entschlüsselt, lässt sich
Jüngers Herumkreiseln in allen möglichen rechten Zirkeln
besser verstehen.
Hielscher gehörte einer Generation an, die für die Teilnahme am
Ersten Weltkrieg zu jung war und die im rechten Milieu der
Weimarer Republik intellektuell sozialisiert worden ist. Der Jurist
und nationalistische Publizist entwickelte sich - wie Jünger - zu
einem zunehmend radikalen Gegner Hitlers und der NSDAP;
gemeinsam verhalfen beide in den Jahren zwischen 1933 und
1945 politisch und rassistisch Verfolgten zur Flucht, darunter
etwa Alfred Kantorowicz.
Während ihrer Arbeit für Blätter wie "Arminius. Kampfschrift für
Nationalismus" begleiteten Jünger und Hielscher intellektuell
die Versuche, verschiedene Organisationen durch Mitglieder
eines verbotenen Wehrverbandes systematisch zu
unterwandern. Aber auf dem "Arminius-Kriegsschauplatz"
verloren Jünger und Hielscher wie auf so vielen anderen auch.
Ungeachtet dieser Misserfolge neigte Hielscher zur Ausbildung
eines befremdlich übergroßen Selbstbildes: Er sah sich als
dritten großen Friedrich in einer Reihe mit dem Preußenkönig
Friedrich II. und Friedrich Nietzsche - ärgerlich nur, dass
Hielscher eigentlich Fritz Johannes hieß und sich erst einmal
umtaufen lassen musste.
Jünger hielt Hielscher zwar "für den schärfsten Kopf unter den
Nationalisten", meint aber auch: "freilich ist er bizarr . Er scheint
mir vor allem mit Exoten zu verkehren, mit chinesischen
Studenten, Zionisten und Arabern." Als bizarr kann man
Hielscher in der Tat bezeichnen, vor allem in den Jahren seiner
NS-Opposition, die er als Oberhaupt einer selbst gegründeten
Kirchengemeinde organisierte: Die Religionsgemeinschaft der
"Bruderschaft des Reiches", die ihre Mitglieder bis in die
höchsten Stellen des NS-Staates schleuste, war von Hielscher
handverlesen. Dem "Meister" gegenüber musste eine
"Reichsteuer" bezahlt werden, und bisexuelle Neigungen
bildeten die Voraussetzung für den Aufstieg innerhalb der
Gemeinde. Schon zuvor hatte Hielscher seine religiösen
Überzeugungen verbreitet und damit auch auf Ernst Jüngers
Wende ins Metaphysische eingewirkt.
Der Briefwechsel von Jünger und Hielscher dokumentiert die
eigentümlich vertrackte Lage der rechtsextremistischen
Republikgegner. Die neuen Nationalisten mussten sich, wollten
sie politisch und nicht nur terroristisch tätig sein, auf das
Weimarer System einlassen - und damit ihre Idee einer
charismatischen Gemeinschaft verraten. Dies führte zu
aberwitzigen Streitigkeiten innerhalb der Rechten und zu immer
neuen Aufgipfelungen eines stets noch extremeren
Extremismus - Ernst Jünger radikalisierte seine Forderungen so
weit, dass seine politischen Pamphlete bald für jede politische
Organisation unbrauchbar wurden.
Dass Jünger sich nach 1933 in die Provinz zurückzog, war daher
nur konsequent. An seinem Beispiel lässt sich sehr gut die
Geburt des künstlerischen Solitärs aus dem Geist der
politischen Gemeinschaft verfolgen. Die Einkehr ins Abseits
markierte zugleich den Wechsel ins Metier des Schriftstellers.
Daraus dürften sich die ständig schwelenden Differenzen
zwischen Jünger und Hielscher erklären: Wo Hielscher letztlich
auf religiöse Fremderlösung setzte, konzentrierte sich Jünger
auf literarische Selbsterlösung. Das hinderte beide freilich nicht
daran, im freundschaftlichen Briefwechsel den Bogen von der
Opposition gegen die Weimarer Republik bis beinahe zur
deutsch-deutschen Wiedervereinigung zu schlagen.
--
Tobias Wimbauer / Wimbauer Buchversand
Waldhof Tiefendorf
Tiefendorfer Str. 66
58093 Hagen-Berchum
http://www.waldgaenger.de/tiefendorf.JPG
unsere Angebote (Amazon und Booklooker) finden Sie hier:
http://www.waldgaenger.de/wimbauerbuchversand.html
einen Büchergruß an TW senden: http://www.amazon.de/exec/obidos/registry/IBSBOT1B05VN/ref=wl_em_to
_______________________________________________________________
SMS schreiben mit WEB.DE FreeMail - einfach, schnell und
kostenguenstig. Jetzt gleich testen! http://f.web.de/?mc=021192
More information about the Juenger-list
mailing list