[Juenger-list] AW: Volltext: Jüngers Lektüren IX: Jacob Burckhardt

martin.reichel martin.reichel at surfeu.de
Sun Jan 15 06:05:58 EST 2006


Hallo zusammen,

ich möchte mal ein Zitat Botho Strauß' einbringen:

"Ernst Jünger über fortdauernde Lektüre: 'Wenn man täglich einige Ziegel
hinzuträgt, kann man nach sechzig oder achtzig Jahren in einem Palast
wohnen.' Ob das wirklich stimmt? Sitzt nicht auch der wissende Alte am
Ende vor einem offenen, ausgebrannten Haus, wo die Tür nur noch lose in
den Angeln hängt?"

Das ist zu bejahen.

Viele Grüße in die Hütten,

Martin Reichel
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: Tobias Wimbauer [mailto:wimbauer at web.de] 
Gesendet: Samstag, 14. Januar 2006 15:46
An: an die Freunde
Cc: juenger-list at juenger.org
Betreff: Volltext: Jüngers Lektüren IX: Jacob Burckhardt


S. 16 KULTUR
 
 Wüte keiner gegen den Bürger!
 Jüngers Lektüren, neunter Teil der JF-Serie: Jacob Burckhardt kann ein
Führer sein auf dem Weg zurück zur Religion
 Wolfgang Saur 

Besuchern, die staunten ob der Interessenfülle und Universalität seiner
Kenntnisse, antwortete der alte Ernst Jünger gern mit der Metapher vom
„Palast“. Trage man sein Leben lang täglich einen Ziegel herbei,
studiere und meditiere man also kontinuierlich, könne man schließlich
einen Palast bewohnen. Die konstruktive Arbeit des Geistes im
Architekturbild kehrt wieder 1981, in Jüngers Dank für den Preis der
Humboldt-Gesellschaft, diesmal jedoch Gleichnis des kulturellen Erbes
als einer objektiven Größe: Die moderne Welt droht allenthalben
auseinanderzufallen. Deshalb danken wir den Genies ihren Elan zur
Synthese. Gewaltige Beiträge lieferten die Brüder Humboldt und Goethe,
die mit ihrer „kosmischen Schau“ den Bau Europas bereichert haben.
Jünger freilich bewegte sich nicht bloß spielend in diesen „Sälen“,
sondern logierte auch gern in den ihm werten „Seitenkapellen“. Als eine
solche erwähnt er hier ausdrücklich Jacob Burckhardt. 

Folgt man den Spuren Burckhardts in Jüngers Leben und Denken, ergibt
sich eine Linie – direkte Zeichen und ferne Wirkung – aus den 1930er
Jahren bis ins hohe Alter. Doch nicht beiläufig bleibt das
Geistergespräch über ästhetische und politische Fragen. Deutlich
markiert die Gestalt des Weisen Jüngers Abkehr von seiner politischen
Periode, die Neuorientierung: vom unbekannten Soldaten, dann dem
„Arbeiter“, hin zum „Waldgänger“ und Anarchen als der ihm nun gemäßen
mythischen Figur. Burckhardt chiffriert hier gleichermaßen den
individualistischen Identitätswandel wie auch den universalen Impuls des
Geistes, den Jünger in den folgenden Jahrzehnten seines biblischen
Daseins aufgreifend ein Gutteil erfüllt hat. 

Ein Bezug zum geistigen Basel durch die innere Emigration 

Jacob Burckhardt (1818–1897) kann uns im Rückblick heute als Summe
alteuropäischer Existenz gelten. Der Schweizer aus Basler Patrizier- und
Pastorengeschlecht studierte bei Droysen, Kugler, Boeckh, vor allem aber
bei Ranke, habilitierte sich 1843 in seiner Heimatstadt, wo er zunächst
journalistisch und lehrend tätig wurde. Das literarische Debüt kam 1852
mit der „Zeit Konstantins des Gr.“, zwei Jahre darauf folgte der
„Cicerone“, ein Handbuch der Kunstschätze Italiens, sein großer Erfolg,
dessen klassische Haltung säkular wirkte. 1858 bezog er den
geschichtlichen Lehrstuhl Basels, um seit 1883 auch Kunstgeschichte dort
zu lehren. Trotz ehrenvoller Auslandsberufungen blieb er seiner
ehrwürdigen Alma Mater treu, erschien ihm die alte Stadtrepublik doch
als humanistische Enklave einer rasant modernisierten Umwelt. 

Die großen Tendenzen im Zeitalter der Massen – Politik, Meinungskampf,
Verkehr und Kommerz – nahmen den Menschen in Arbeit, zerbröselten die
altbürgerlichen Werte und Bildungsideale. Aus dieser Perspektive
entwickelte Burckhardt seine universalhistorische Anschauung, zwischen
den Polen von Politik und Kunst. Realistisch, ja kaltblütig analysierte
er die Ereignisse, sah der Gegenwart ins Auge und belauerte die
demokratische Pandorenbüchse, die Europa die permanente Revolution
bescherte. Seine Stellung, teils behaglich, teils asketisch, stets
diskret, ließ ihn zum Zeitkritiker werden, zum hellsichtigen Propheten
gar, was freilich erst die Nachwelt faßte durch die postum edierten
Briefwechsel und legendären „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ (1905). 

Prominent zu Lebzeiten wurde indes seine „Kultur der Renaissance in
Italien“ (1860): als großes Modell integraler Kulturgeschichte,
alternativ zur Polit-historie. Burckhardt lebte – sieht man vom
unentwegt Kunstreisenden ab – ganz seinen Studenten und der Baseler
Bürgerschaft. Überzeugt vom Geist Europas und dem Wert der Tradition,
verlieh er der Basler Uni gar metaphysischen Rang. Als heimlichem
Platoniker galt ihm die ideale Sphäre von Kunst und Wissenschaft der
Zeit entrückt. So lebte er, ein luzider Pessimist, „rückwärts gewandt
zur Rettung der Bildung früherer Zeiten, vorwärts gewandt zu heiterer
und unverdrossener Vertretung des Geistes in einer Zeit, die sonst
gänzlich dem Stoffe anheimfallen könnte“. 

Burckhardts kontemplative Existenz und exklusiver Individualismus
konnten Ernst Jünger in den zwanziger Jahren kaum interessieren.
Fronterlebnis, Weltanschauungskampf und kollektivistische Mythen im
Zeichen des „faschistischen Stils“ führten von den Kriegsschriften zur
technokratischen Utopie des „Arbeiters“ 1932 mit seinem
bolschewistischen Fluch über die bürgerliche Welt. 

Einen Bezug zum geistigen Basel brachte erst die innere Emigration nach
1933 und eine Entwicklung, die zur kulturkritischen „Perfektion der
Technik“ (1946) des Bruders Friedrich-Georg führt. Hatte der „Arbeiter“
verkündet, man müsse sich der totalen Mobilmachung unterwerfen oder
untergehen, rehabilitiert nun Jünger in den „Strahlungen“ das
Widerstandsmotiv: „Der Mensch als Techniker, als geistig-abstraktes
Wesen ist notwendig der Feind und Ausbeuter des Natur- und
Kulturmenschen. Der Mensch muß sich also gegen sich selbst sichern.“ 

Inmitten düsterer Reflexionen zum modernen Kannibalismus signalisiert
Burckhardt unterm Stichwort „Schnellfäulnis“ die Gefahr rapiden
moralischen Zerfalls. Dessen Wertschätzung als Diagnostiker der Moderne
hält sich bei Jünger angesichts einer Gegenwart, die die schlimmsten
Befürchtungen des Basler Unzeitgemäßen erfüllt – mal exklusiv notiert,
mal in Kompanie mit den Unsterblichen, jenen „Auguren der
Malstromtiefen, in die wir abgesunken sind“: Poe, Melville, Hölderlin,
Tocqueville, Rimbaud, Conrad, Kierkegaard und Bloy. 

Nietzsche, ein Spezialfall, ist selbst Symptom der Krise. So findet
Jüngers Entwicklung auch statt im Zeichen der vielschichtigen Spannung
von Burckhardt und Nietzsche, ihrer Nähe wie Abstoßung. Das „Erste
Pariser Tagebuch“ verwirft dessen brutalisierende Umdeutung Burckhardts
zum zynischen Renaissance-Kult und revidiert so eigene Positionen, deren
Nihilismus nicht zuletzt Nietzsche geschuldet war. Nachdenklich fragt
Jünger, was es wohl sei, daß „reine Schau in Willen, in
leidenschaftliche Aktion“ umschlage. Stoische Ethik und „brahmanische
Lauterkeit“, die Schopenhauer Burckhardt vererbt hat, erscheinen nun als
neue Regulative. 

Zum mythischen Umriß des neuen Weltbilds gesteigert, erscheint
Burckhardt anonym im „geschichtsphilosophischen Credo Jüngers“ (Meyer),
in der zweiten Fassung von „Das Abenteuerliche Herz“ (1938). Unterm
Stichwort „Ergänzung“ schließt die „Historia in nuce“ sich dem deutschen
Idealismus an. Konflikt und Polarisierung, politischer Aktionismus
werden abgelöst durch die geistige Schau einer unendlichen Integration,
des zum Ursprung strebenden Weltprozesses: die Wirklichkeit ein
Wahrheitsgeschehen und wir seine Momente. Als Erkennende schreiten wir
so, einem Spiralgang gleich, ins Weite. „Besonders schön tritt das in
der Erscheinung des großen Historikers hervor: unsere Geschichte, die
eine Geschichte der Parteiungen ist, wird durch ein göttliches Auge
ergänzt. Architektonisch gesprochen zeichnet der Historiker in den
babylonischen Plan unserer Anstrengungen die Bögen ein, deren
Wahrnehmung sich den handelnden Mächten, die den tragenden Pfeilern
gleichen, notwendig entzieht.“ 

Erlösende Kraft kommt also nicht vom Täter, vielmehr durch Dichter und
Denker, die das zersprengte Leben transzendierend aufheben in seine
geistige Gestalt. Dieser „dynamische Platonismus“, der die Phänomene als
Zeichen einer höheren Einheit nimmt, erhellt im Widerstreit der Welt die
innere Harmonie. Hinter der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen stehen
zeitlose Figuren, ein „kosmischer Bestand an Ewigkeiten“. 

Jüngers Relationen zu Burckhardt gründen sich auf vier Seiten von dessen
Produktivität: die Kenntnis der „Renaissancekultur“, der
„Weltgeschichtlichen Betrachtungen“, der griechischen Kulturgeschichte
und der Briefe. Neben der philosophisch-humanistischen Grundhaltung
bleibt Burckhardt wichtig: als Zeitdiagnostiker, als bewußter Europäer,
als Kunstkritiker. 

Burckhardts europäische Identität schließt hart ab gegen den Orient,
ästhetisch und politisch. Beide Momente motivieren seine Geringschätzung
der Türkei und des Islam überhaupt, die Jünger vielfach beschäftigten. 

Ästhetisch ist Jünger beim klassizistischen Vorurteil nicht
stehengeblieben. Er ist Burckhardts Entwicklung auch auf den diskreten
Pfaden der privaten Äußerung gefolgt und hat dessen Altersenthusiasmus
für den Barock adaptiert. Stil als dynamische Ausdruckssprache erscheint
hier als Analogon eigener Naturbeobachtung; Natürliches und Künstliches
vernetzt sich in kosmologischer Schau („Siebzig verweht II“, 13. Mai
1977). 

So erwies sich, je länger je mehr, Burckhardt als Mann für wechselnde
Lebenslagen, ja für alle Zeit – wie ein Ariadnefaden der Freiheit durch
Monotonie und Bedrängnis. Im Gegensatz zum herumwildernden Outcast
Nietzsche hat Burckhardt in Basel beharrlich als Pädagoge amtiert und
seine humanistische Freiheit diskret gewahrt. Wie seine Existenzformel
lauten daher die Worte Laotses, auf die Jünger 1988 stieß: „Der
vollkommene Mensch paßt sich dem Gehabe der Gesellschaft an, ohne sein
Selbst zu verlieren.“ – „Also ein Anarch“, notierte der Meister aus
Wilflingen unter dem 21. Januar 1988 in „Siebzig verweht IV“. 

Die Idee der Tradition gefaßt, die der Übertradition geahnt 

„Wir müssen“, so heißt es in „Jahre der Okkupation“ am 1. Mai 1945, „den
Weg, den Comte vorgezeichnet hat, zurückfinden, von der Wissenschaft
über die Metaphysik zur Religion.“ 

So ist es. Jünger selbst hat ihn gebahnt. Burckhardt vermag diese
Perspektive nicht voll auszuschöpfen, doch kann er ein Führer des Weges
sein. Als Historiker con amore hat er nicht nur die Fakten traktiert,
sondern Leben als Überlieferungsgeschehen erkannt. 

Das historische Bewußtsein wird so zur Instanz der Traditionsbildung, ja
mehr noch: „Diese Kontinuität ist aber ein wesentliches Interesse
unseres Menschendaseins und ein metaphysischer Beweis (...) seiner
Dauer.“ Was für „ein wunderbares Schauspiel“ ist es also, „dem Geist der
Menschheit erkennend nachzugehen, der über all diesen Erscheinungen
schwebend und doch mit allen verflochten, sich eine neue Wohnung baut.
Wer hievon eine Ahnung hätte, würde des Glückes und Unglückes völlig
vergessen und in lauter Sehnsucht nach dieser Erkenntnis dahinleben.“ 

Wüte keiner gegen den Bürger! Der Bürger Jacob Burckhardt hat zu Zeiten
von Positivismus und Materialismus die Idee der Tradition gefaßt und die
der Übertradition tief geahnt. Damit blieb er für uns gegenwärtig und
wurde anschlußfähig für einen universalen Geist wie Ernst Jünger –
jenseits des ephemeren Zwists zwischen Arbeitern und Bürgern. 

Zeit seines Lebens war der Schrift-
 steller Ernst Jünger (1895–1998) ein großer Leser. Mehr noch: Lektüre
stellte einen Teil seiner Existenz dar. Spuren dieses Lesens durchziehen
sein Werk – von den „Stahlgewittern“ bis zu „Siebzig verweht V“. Um
Jünger zu verstehen, muß man diesen Spuren folgen, leiten sie doch zu
Bedeutungsräumen, die hinter dem Text verborgen liegen. Jünger lesen
heißt also „Spuren-Lesen“. Diese JF-Serie versucht, einige Fährten
aufzunehmen und ansatzweise zu entziffern. Und sie will natürlich auch
zur Lektüre von Jüngers Lektüren anregen. 

  

Wolfgang Saur studierte Germanistik, Philosophie, Neuere Geschichte und
Soziologie in Marburg und Eichstätt. Derzeit absolviert er in Berlin ein
Aufbaustudium Religionswissenschaft und Kunstgeschichte und ist als
freier Autor tätig. 

Im Rahmen dieser JF-Serie erschienen bisher Beiträge von Alexander
Pschera über Ernst Jünger und Hermann Löns (JF 05/05), Léon Bloy (JF
09/05), Franz Kafka (JF 14/05), Aldous Huxley (JF 18/05) und Otto
Weininger (JF 28/05), von Harald Harzheim über Maurice Barrès (JF 23/05)
und Marquis de Sade (JF 37/05) sowie ein Text von Alexander
Michajlovskij über Dostojewski (33/05). 

  

   

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