[Juenger-list] Bernd A. Laska zu Jüngers Konversion

Tobias Wimbauer wimbauer at web.de
Wed Feb 22 18:30:06 EST 2006


herzliche grüße rundum, tw





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Ernst Jünger - Anarch und Katholik
Krieger > Nichtnazi > Waldgänger > Anarch > Katholik

Zur Konversion des "Anarchen" Ernst Jünger
vom "Stirnerianismus" zum römischen Katholizismus
von Bernd A. Laska
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ein verspäteter Epilog
zu meinem Buch
"Katechon" und "Anarch"

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Als 1977 Ernst Jüngers Buch »Eumeswil« erschien -- in dem der 80-jährige
unter dem Einfluss von Stirner die Gestalt des "Anarchen" schuf (mit der er
sich weitgehend identifizierte) -- pries Armin Mohler es als dasjenige Buch
Jüngers, in dem er zum Ende seines Lebens "das Gebäude seiner Weltweisheit"
errichtet habe. (1) Dennoch gab es in der Jünger-Literatur bisher nur sehr
zurückhaltende Versuche der Interpretation dieses Werkes und insbesondere
der zentralen Rolle, die Stirner darin hat. Die Figur des Anarchen indes
wurde schnell populär, allerdings nur als Schlagwort und ohne dass dessen
von Jünger explizit gegebener Bezug zu Stirners Figur des "Eigners" beachtet
wurde. Meine einschlägige Schrift "Katechon" und "Anarch" (UT: Carl Schmitts
und Ernst Jüngers Reaktionen auf Max Stirner), die im April 1997 erschien,
blieb, bis auf eine leider recht bornierte Rezension in der FAZ, unbeachtet.
Deshalb habe ich mich seither kaum mehr mit Jünger und der Literatur über
ihn befasst.

Als ich kürzlich (Januar 2006) von einem britischen Stirner-Freund die --
wie mir schien: etwas besorgte -- Anfrage bekam, ob es denn stimme, was er
als unbelegte Behauptung gelesen habe: dass Ernst Jünger im hohen Alter zum
Katholizismus konvertiert sei, musste ich erst selbst recherchieren und
wurde dank Internet auch schnell fündig. In einer mailing list
(http://www.juenger.org/mailarchive/4_2001/msg00033.php) gibt der
Jünger-Experte Tobias Wimbauer am 28. April 2001 fundierte Auskunft zur
Frage. Ich gebe sie hier etwas gekürzt wieder:

"EJ konvertierte am 26. September 1996 in der Kirche St. Nepomuk zum
Katholischen Glauben. Seine Frau, Dr. Liselotte Jünger, war übrigens bei der
Zeremonie nicht zugegen. Carl Alexander Jünger [Sohn EJs] wurde übrigens
katholisch getauft (Taufpate war Carl Schmitt), Ernstel Jünger [Sohn EJs]
evangelisch.
[ ... ]
Sympathien zur Katholischen Heilslehre (und für den Ritus!) ziehen sich
durch fast das ganze Werk Jüngers. Sei es in den 'Strahlungen', sei es in
'Siebzig verweht' (z.B. in S.V. I, 29. Juni 1968), oder der Pater Lampros in
den 'Marmorklippen'. Zur Skepsis gegenüber der Entwicklung des
Protestantismus sei beispielsweise Jüngers Roman 'Die Zwille' konsultiert."

Wimbauer gibt zur näheren Information einige Literaturhinweise (2) und
zitiert aus einem der Artikel, verfasst von Erik Ritter von Kuehnelt-Leddihn
(1909-1999):

"Ich bin betrübt über den Tod von Ernst Jünger, den ich öfters besucht und
mit dem ich oft korrespondiert hatte. Er stand unserem Glauben immer schon
nahe und wollte sogar seinen Sohn Ernst katholisch taufen lassen, was aber
seine erste Frau verhinderte. Ich selbst figuriere einige Male in seinem
Tagebuch (1981-1985) »Siebzig verweht« im Zusammenhang mit der "unbefleckten
Empfängnis", die er (wie auch die meisten Katholiken) missverstand. Fleissig
betete ich für seine Konversion, die im Jahre 1996 stattfand, aber nicht der
Öffentlichkeit kundgetan wurde. Er wurde natürlich auch gut katholisch
begraben. Er war ein brillanter Mann. Ich hielt ihn für den grössten
deutschen Schriftsteller und vielleicht war er in Frankreich (dort zumeist
kurz E.J. genannt) noch berühmter und wurde mehr verehrt als in
Deutschland."

Ich war durch diese für mich neuen Nachrichten zwar überrascht, aber nicht
verwundert. Im Gegensatz zu jenen Stirner-Freunden, die in Jüngers
"Anarchen" Stirners "Eigner" erkannten und die prominente Bekräftigung ihrer
weltanschaulichen Position begrüssten, habe ich zuerst in einem Beitrag zum
Stirner-Kongress in Nápoli (1994), dann in einem eigenen Kapitel meines
Buches »Ein dauerhafter Dissident« (1996) und schliesslich ausführlicher in
der Carl Schmitt und Ernst Jünger gewidmeten Studie »'Katechon' und
'Anarch'« (1997) nachdrücklich dargestellt, dass und inwiefern Jünger
Stirner grundlegend verfehlt hat. (3)

Die Konversion des Anarchen zum Katholiken, die erst nach Jüngers Tod am 17.
Februar 1998 bekannt wurde, ist deshalb ein ausgezeichnet passender Epilog
zu meinem Buch. 

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Anmerkungen:

(1) Armin Mohler: Rezension von Jüngers »Eumeswil«. In: Criticón, Nr. 45,
Jan./Feb. 1978, S. 2
 

(2) Artikel über Ernst Jüngers Konversion:

*    Erich Kock: Wer mehr erfahren will, muss den Tod wagen - Ernst Jünger.
In: Internationale [katholische] Zeitschrift Communio. Nr. 27/1998, S.
272-282;
*    Gerhard Adler: "Die grossen Wanderungen jenseits der Zeit".
Metaphysisches bei Ernst Jünger.
In: Grenzgebiete der Wissenschaft, 47 Jg., Nr. 4/ 1998, S. 331-342;
*    Erik v. Kuehnelt-Leddihn: "Alle Wege führen nach Rom." Der
Schriftsteller Ernst Jünger wurde katholisch.
In: Timor Domini, [Organ d. Schweizerischen Bewegung für Papst und Kirche].
12. Juni 1998, S. 3;
*    Heimo Schwilk / Uwe Wolff: Die Konversion. Ernst Jünger und der
Katholizismus.
In: Welt am Sonntag, Nr. 13 vom 28. März 1999, S. 33-34
(zuvor in: Gegengift. Zeitschrift für Politik und Kultur, 11. Jg., 1999,
Heft 7, S. 18-29);
*    Helmuth Kiesel: Eintritt in ein kosmisches Ordnungswissen. Zwei Jahre
vor seinem Tod: Ernst Jüngers Konversion zum Katholizismus.
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 74 vom 29. März 1999, S. 55;
*    Bernhard Gajek: La onzième heure d'Ernst Jünger. In: Catholica. Revue
trimestrielle, numéro 63, Printemps 1999, pp. 98-103


(3) Meine Arbeiten zum Verhältnis Ernst Jüngers zu Max Stirner:

*    "Katechon" und "Anarch". Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf
Max Stirner.
In: AA. VV.: Atti del convegno "Max Stirner e l'individualismo moderno", a
cura di Enrico Ferri. Nápoli: CUEN, pagg. 393-434;
*    Der (nonchalant) Adorierte. In: Ein dauerhafter Dissident. 150 Jahre
Stirners »Einziger«. Eine kurze Wirkungsgeschichte. Nürnberg: LSR-Verlag
1996 (Stirner-Studien, Band 2), S. 90-92
*    "Katechon" und "Anarch". Carl Schmitts und Ernst Jüngers Reaktionen auf
Max Stirner. Nürnberg: LSR-Verlag 1997 (Stirner-Studien, Band 3); (stark
erweiterte Fassung des o.g. Kongress-Beitrags)


16. Februar 2006

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