[Juenger-list] Rez. NEG: E. Jünger u.a.: Briefe 1927-1985

Phlegethon phlegethon at gmx.net
Tue Dec 19 17:05:32 EST 2006




From: Berthold Petzinna <bertholdpetzinna at arcor.de>
Date: 20.12.2006
Subject: Rez. NEG: E. Jünger u.a.: Briefe 1927-1985
------------------------------------------------------------------------

Jünger, Ernst; Hielscher, Friedrich: Briefe 1927-1985. Herausgegeben,
kommentiert und mit einem Nachwort von Ina Schmidt und Stefan Breuer.
Stuttgart: Klett-Cotta 2005. ISBN 3-608-93617-3; 556 S.; EUR 34,00.

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Berthold Petzinna, Berlin
E-Mail: <bertholdpetzinna at arcor.de>

Friedrich Hielscher war wohl der irritierendste zeitweilige Weggefährte
Ernst Jüngers. Hielscher, Jahrgang 1902, war bereits als Jugendlicher
stark religiös interessiert. Nach kurzer Freikorpszugehörigkeit
studierte er Jura in Berlin; im Reichsklub der Deutschen Volkspartei und
in der Deutschen Hochschule für Politik fand er Kontakt zur politischen
Klasse. Die Bekanntschaft mit Theodor Heuss dauerte fort bis in dessen
Zeit als Bundespräsident. August Winnig, ein aus der Sozialdemokratie
stammender Unterstützer des Kapp-Putschs und Nationalist, prägte den
jungen Hielscher politisch. Wie viele Intellektuelle der Weimarer
Republik war auch Hielscher vom Werk Oswald Spenglers beeindruckt,
Nietzsche war ein weiterer philosophischer Gewährsmann. Die Arbeit an
einer an Spengler orientierten Dissertation führte Hielscher 1925/26 zum
Staats- und Verwaltungsrechtler Otto Koellreutter nach Jena, wo er 1926
promovierte. Nach kurzer Tätigkeit im Staatsdienst führte er ab 1927
eine prekäre Existenz als Haupt eines um ihn gesammelten Kreises.

Über das Verhältnis Jüngers zu Hielscher ist nun Näheres aus dem
edierten Briefwechsel zwischen ihnen zu erfahren.[1] Die Korrespondenz
setzt 1927 ein, kurz nach dem Zugang Hielschers zu neonationalistischen
Kreisen ­ und erstreckt sich bis 1985. Mit aufgenommen wurden ergänzende
Schreiben sowie Anlagen, die Hielscher seinen Briefpartnern häufig
zukommen ließ. Hier musste ausgewählt werden, um den Textumfang
akzeptabel zu halten und zugleich einen Einblick in die
Hintergrundthematik der Schreiben zu ermöglichen.

Während Hielscher zu publizieren begann, hatte sich Jünger im
gleichgesinnten Publikum ­ er war seit längerem in die
rechtsoppositionelle Szene integriert ­ bereits einen Ruf erschrieben.
Zunächst hatte er sich auf die Thematik des Ersten Weltkriegs
beschränkt. Erst die Arbeit an „Das abenteuerliche Herz“, die 1927
begann, öffnete weitere Horizonte. Zugleich bildete jener Zeitraum einen
Höhepunkt in Jüngers publizistischer Tätigkeit. Der Briefwechsel mit
Hielscher trägt dazu bei, die literarische Produktion Jüngers und seine
politische Publizistik weiter auszuleuchten.

Ein Schwerpunkt der Korrespondenz liegt auf den Interna der
rechtsintellektuellen Szene, in der beide als Publizisten agierten.
Durch diese Binnenperspektive ergänzt die Edition die von Sven Olaf
Berggötz herausgegebene Publizistik Ernst Jüngers.[2] Das
Auserwähltheitspathos der Kleingruppe prägt oft den Ton der Schreiben.
Deutlich wird auch die taktische Dimension politischer Positionen, so
etwa Hielschers Ostorientierung: „Hier heißt es schwindeln, daß sich die
Balken biegen, falls es der Zweck erfordert.“ (S. 41) Im Atmosphärischen
wird das befremdliche Selbstvertrauen dieser Intellektuellengruppen
greifbar.

Anschaulich wird auch die Rolle des Kapitäns Ehrhardt im
neonationalistischen Netzwerk. Die ausführlichen Kommentare der
Herausgeber stützen sich auf eine detaillierte Kenntnis der
zeitgenössischen Publizistik und des politischen Milieus. Kurzbiografien
der erwähnten Personen erschließen oftmals erst den Kontext der
Schreiben. Ein zureichendes Verständnis setzt gelegentlich die Kenntnis
der Studie der Herausgeberin Ina Schmidt zu Hielscher voraus.[3]

„Wer sich die Mühe einer genauen Lektüre macht, wird unschwer die Spuren
erkennen, die Hielschers Denken in Jüngers Arbeiten seit dem Sommer 1927
hinterlassen hat“, heißt es im Nachwort (S. 490). Damit ist der Bereich
gekennzeichnet, der über das Biografische hinaus einen Wert der Edition
ausmacht. Hielschers theologische Orientierung, die ihn zur Gründung
einer politisch-religiösen Gruppe motivierte, traf bei Jünger auf ein
Orientierungsbedürfnis, das mit seiner beginnenden Karriere als nicht
mehr nur Weltkriegsautor verbunden war. Kurz nach seinem Umzug nach
Berlin schrieb Ernst Jünger seinem Bruder Friedrich Georg: „Am meisten
verkehre ich mit Friedrich Hielscher, über den ich mir noch nicht im
Klaren bin. Ich halte ihn für den schärfsten Kopf unter den
Nationalisten, freilich ist er bizarr. Seine Intelligenz hat etwas
Antithetisches, scherenartig Schneidendes.“ (S. 488) Noch während des
Zweiten Weltkriegs sollte sich Jünger über Hielscher nicht „im Klaren“
sein.

Gerade die enge Verbindung, die politischer Machtanspruch und religiöses
Denken bei Hielscher damals eingingen, weckte Jüngers Interesse. Es
bleibt zu überprüfen, inwieweit Anregungen Hielschers in die weitere
Produktion Jüngers eingeflossen sind. Zehn Jahre nach Aufnahme der
Korrespondenz resümierte Jünger das Verhältnis auf einen Brief
Hielschers hin: „Ich studierte ihn wie alles, was schriftlich oder
mündlich von Ihnen zu mir dringt, mit besonderer Aufmerksamkeit.
Freilich wurde mir an ihm auch diesmal wieder die ungemeine
Verschiedenartigkeit bewußt, mit welcher wir den Dingen wie der Welt
überhaupt gegenüberstehn. Was mich betrifft, so stört mich diese
Tatsache nicht.“ (S. 161) Bei allen Differenzen blieb die Ausrichtung
auf eine metaphysisch begründete Ordnung verbindend.

Mit dem Auslaufen der politisch-publizistischen Tätigkeit endete die
Zeit engerer Kooperation. Jüngers auf die literarische Öffentlichkeit
orientierte Lebensform stand Hielschers Konzentration auf die Ausbildung
einer religiös gebundenen Gruppe entgegen. Die Unterbrechung des
Briefwechsels zwischen 1931 und 1934 markiert einen Einschnitt.
Zwischenzeitlich waren von Jünger und Hielscher Arbeiten erschienen, die
die unterschiedliche Orientierung beider hervortreten ließen. Der
Briefwechsel gewinnt daher einen anderen Charakter; politische Bezüge
geben sich oft nur indirekt zu erkennen. Ausführungen Hielschers zu
seinen religiösen Studien nehmen viele Seiten ein. Bei ihnen ist der
tiefe Eindruck sichtbar, den Spenglers Denkstil hinterließ.

Spärlich ist die Korrespondenz während des Zweiten Weltkriegs. Dass
Jünger über die Widerstandstätigkeit von Hielschers Gruppe informiert
war, ist den Briefen verständlicherweise nicht zu entnehmen. Jüngers
Tagebücher sind in dieser Hinsicht ertragreicher. Der Fall Wolfram
Sievers, eines Mitglieds des Hielscher-Kreises, das als Geschäftsführer
des SS-Amtes „Ahnenerbe“ für Menschenversuche an KZ-Häftlingen
mitverantwortlich war und zum Tode verurteilt wurde, sollte ein
wiederkehrendes Thema in der Nachkriegskorrespondenz bilden.

Die in den 1930er-Jahren zu beobachtende Auseinanderentwicklung setzte
sich nach 1945 fort. Während Jünger rege publizierte, ging Hielscher
nahezu völlig in der Arbeit an seiner religiösen Gruppe auf. Lediglich
mit seinen Memoiren trat er noch hervor.[4] Die Korrespondenz wird nun
zunehmend diskontinuierlicher; zwischen 1968 und 1981 erlischt sie ganz.
Zusendungen Hielschers aus seinen religiös inspirierten Arbeiten lobte
Jünger nur distanziert. Mit einem Schreiben Hielschers endet die
Korrespondenz gut vier Jahre vor dessen Tod. Eine letzte Anlage, „Für
Ernst Jünger zu Allerseelen 1985 von Friedrich Hielscher“, trägt den
Titel „Der Schweigende“ (S. 298).

Durch den umfangreichen und äußerst informativen Anmerkungsapparat
gewinnt die Edition den Charakter einer Studie. Insgesamt bietet sie ein
Bild, das über das Verhältnis der Korrespondenzpartner hinausreicht.
Jünger und Hielscher erweisen sich in ihren Berührungspunkten wie in
ihrer Auseinanderentwicklung als beispielhaft für eine
Orientierungskrise vieler deutscher Intellektueller in der ersten Hälfte
des vergangenen Jahrhunderts sowie für die Bearbeitungsmodi dieser
Krise. Insofern bietet der Band einen zusätzlichen Einstieg in Aspekte
der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in die
Problematik des Fortwirkens religiöser Motive und Denkmuster.

Anmerkungen:
[1] Siehe auch Breuer, Stefan; Schmidt, Ina, Der Literat und der
Theokrat: Ernst Jünger und Friedrich Hielscher, in: Figal, Günter;
Knapp, Georg (Hgg.), Verwandtschaften. Jünger-Studien Bd. 2, Tübingen
2003, S. 92-115.
[2] Vgl. Jünger, Ernst, Politische Publizistik 1919 bis 1933, hg.,
kommentiert und mit einem Nachwort von Sven Olaf Berggötz, Stuttgart
2001.
[3] Schmidt, Ina, Der Herr des Feuers. Friedrich Hielscher und sein
Kreis zwischen Heidentum, neuem Nationalismus und Widerstand gegen den
Nationalsozialismus, Köln 2004 (siehe dazu meine Rezension:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-3-075).
[4] Hielscher, Friedrich, Fünfzig Jahre unter Deutschen, Hamburg 1954.

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:
Jan-Holger Kirsch <kirsch at zeitgeschichte-online.de>

URL zur Zitation dieses Beitrages
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-212>

------------------------------------------------------------------------
Copyright (c) 2006 by H-Net, Clio-online, and the author, all rights
reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial,
educational purposes, if permission is granted by the author and usage
right holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT at H-NET.MSU.EDU.


Falls Sie Fragen oder Anmerkungen zu Rezensionen haben, dann schreiben
Sie bitte an:
Vera Ziegeldorf <ziegeldorfv at geschichte.hu-berlin.de>

_________________________________________________
HUMANITIES - SOZIAL- UND KULTURGESCHICHTE
H-SOZ-U-KULT at H-NET.MSU.EDU
Redaktion:
E-Mail: hsk.redaktion at geschichte.hu-berlin.de
WWW: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de
_________________________________________________



More information about the Juenger-list mailing list