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Fri Dec 9 17:32:45 EST 2005


literaturkritik.de
Letzte Änderung: 09.12.2005 - 17:46:27
Erschienen am:09.12.2005

Der postmoderne Kater

Martin Tauss zur deutschsprachigen Drogenliteratur nach 1945

Von Stephan Resch


Ende der 90er Jahre wurde an der Universität Wien das interdisziplinäre
Forschungsprojekt "Drogen und Sucht" ins Leben gerufen. Zahlreiche
soziologisch, historisch, politikwissenschaftlich oder psychologisch
orientierte Beiträge zum Thema sind seitdem erschienen. Nach Brigitte
Marschalls theaterwissenschaftlicher Studie "Die Droge und ihr Double"
(2000) ist nun mit Martin Tauss' Buch "Rausch - Kultur - Geschichte: Drogen
in literarischen Texten nach 1945" eine zweite literarisch orientierte
Arbeit aus diesem Forschungsprojekt erschienen.

Der Einfluss von Drogen auf das Schreiben ist bisher kaum systematisch von
der deutschsprachigen Literaturkritik untersucht worden. Meist beschränkten
sich autorenübergreifende Arbeiten auf Werke einschlägiger englischer,
amerikanischer oder französischer Schriftsteller - deutschsprachige Werke
wurden überwiegend en passant erwähnt. Erst Alexander Kupfers umfangreicher
Studie zur Literaturgeschichte der Drogen ("Die künstlichen Paradiese",
1996) gelang es, die Ausmaße dieses multidisziplinären und oft disparaten
Forschungsfeldes auch für die deutsche Literatur zu skizzieren. Gerade was
den Zeitraum von 1945 bis zur Gegenwart betrifft, in den immerhin die
ärgsten Rauschexzesse der Beatautoren und ein gesteigertes Interesse an
alternativen Bewusstseinszuständen fallen, blieben aber auch nach Kupfers
Buch viele Fragen offen. Martin Tauss' Buch stößt also durchaus in eine
Forschungslücke. 

Vier Autoren, deren Texte die Anzeichen einer Beeinflussung durch
psychoaktive Substanzen tragen, stehen im Zentrum von Tauss' Studie.
Interpretiert werden Ernst Jüngers "Besuch auf Godenholm", Bernward Vespers
"Die Reise", Walter Vogts "Mein Sinai-Trip" und "Vergessen und Erinnern"
sowie Rainald Goetz' "Rave". Diesen Analysen ist eine ausführliche
kulturgeschichtliche Beschäftigung mit den Begriffen Rausch, Drogen und
Sucht vorangestellt. Den theoretischen Rahmen der Arbeit bildet Norman
Zinbergs These, dass zur Auswertung jeder Drogenerfahrung außer der
Substanzwirkung per se auch das Set (nämlich die psychologische
Prädisposition des Drogenkonsumenten) und das Setting (nämlich die physische
Umgebung, in der der Konsum stattfindet), miteinbezogen werden müssen. Ein
derart strukturierter Aufbau hebt sich positiv von den oft anekdotenhaften
bisher erschienenen Untersuchungen zum Thema ab.

Die Textinterpretationen beschäftigen sich sowohl mit der inhaltlichen als
auch der ästhetischen Gestaltung literarischer Rauscherfahrungen. Ernst
Jüngers hermetische Erzählung "Besuch auf Godenholm" wurde bis zur
Veröffentlichung seines autobiografischen Essays "Annäherungen - Drogen und
Rausch" von der Kritik als innere Reise, keineswegs aber als die
Beschreibung eines LSD-Trips erkannt. Tauss interpretiert die Fahrt auf die
mystische Insel Godenholm als "archaische Initiation" und damit als
paradigmatische Umsetzung von Jüngers elitärem Rauschbegriff. Freilich ist
es schade, dass nicht näher auf andere Werke des Autors eingegangen wird, in
denen die Drogenthematik ganz dezidiert zur Sprache kommt. Obwohl Tauss etwa
den Roman "Heliopolis" als "frühen Referenztext der deutschsprachigen
Drogenliteratur nach 1945" erwähnt, bleibt eine nähere Untersuchung dieses
Textes aus. Drogenthematisch wäre dies gerade deswegen interessant gewesen,
weil "Heliopolis" etwa 20 Jahre nach Abschluss von Jüngers jugendlichen
Drogenexperimenten dessen neue und reflektiertere Einschätzung psychoaktiver
Substanzen erkennen lässt.

Tauss' Beobachtungen zur Wirkung der jeweiligen Drogen zeugen von einem
profunden medizinischen und pharmakologischen Wissen. Alle
Einzelinterpretationen beziehen stets die Faktoren Set und Setting mit ein
und vermeiden so eine substanzzentrierte Hermeneutik, die der Thematik kaum
gerecht werden würde. Während bei Jünger die Droge als Auslöser zur
metaphysischen Selbsterkundung verstanden wird, die nur wenigen zugänglich
ist, sieht Tauss die Droge bei Bernward Vesper als ein dem Schreiben
nebengeordnetes Hilfsmittel zur verzweifelt betriebenen Selbstverwirklichung
an. Walter Vogt, dem polytoxikomanen Schweizer Arzt und Schriftsteller
attestiert Tauss nach psychoanalytischer Sichtweise einen Regressionswunsch
in den Mutterleib, den dieser sich erst durch die Droge und dann durch die
schützende Umgebung der Entzugsklinik ermöglicht. Rainald Goetz hat seine
Erfahrungen in der Techno-und Ecstacy-Szene in "Rave" festgehalten. Tauss
sieht die Erzählung als authentische, aber weitgehend unreflektierte
Darstellung nächtlicher Drogenexzesse, die zwar ästhetisch durch die
aufgebrochene Erzählstruktur zum Ausdruck kämen, letztlich aber nur eine
"Faszination ohne Bedeutung" seien.

Als Makel dieser ansonsten vorbildlichen Untersuchung könnte die Textauswahl
angesehen werden. Zwar werden mit Jünger, Vesper, Vogt und Goetz wichtige
Vertreter des Genres Drogenliteratur angesprochen, es ist allerdings
fraglich, ob es sich bei diesen "publizistisch bereits etablierten Autoren"
wirklich um einen genrerepräsentativen Querschnitt handelt. Gerade in der
Drogenliteratur mag es nützlich sein, einen Blick auch über den
literarischen Mainstream hinaus zu werfen und Verbindungen zur literarischen
Subkultur zu finden, die avantgardistische Literatur produzierte, wegen
ihrer Nischenposition aber nicht von einem größeren Publikum wahrgenommen
wurde. Das Interesse der 68er an psychoaktiven Substanzen hätte etwa durch
Jörg Fausers oder Hadayatullah Hübschs Texte zum Thema näher erkundet werden
können, auch Günter Wallraffs literarische Bearbeitung eines
Meskalin-Experiments wäre in diesem Zusammenhang interessant gewesen. Die
Figur des Junkies, die als solche erst in der zweiten Jahrhunderthälfte ins
öffentliche Bewusstsein getreten ist, hätte anhand von Falladas Roman "Der
Alpdruck", Heinz Liepmanns "Der Ausweg" oder Fausers "Tophane" ausgeleuchtet
werden können. Freilich räumt Tauss ein, dass es ihm vorrangig um die
Erstellung eines "adäquaten kritischen Instrumentariums" gehe und die
Textanalysen daher eher eine Beispielfunktion hätten. Etwas unorthodox
erscheint die Textanordnung innerhalb der einzelnen Kapitel. Die nützliche
Beschreibung des Umfelds, womit meist das erweiterte Setting, also der
historische, kulturelle oder soziologische Kontext der Drogenbenutzung
gemeint ist, folgt jeweils den Textanalysen, wäre aber als Einführung in die
Thematik vielleicht besser vor den Interpretationen platziert gewesen.

Tauss' Untersuchung leistet, was methodischen Ansatz und Textauslegung
angeht, einen wichtigen Beitrag zur kritischen Erschließung eines bisher
kaum systematisch untersuchten Forschungsfelds. Zukünftige Studien könnten,
sowohl durch eine Erweiterung des Textkorpus als auch durch eine
komparatistische Perspektive, die die inhärente Intertextualität vieler
Drogentexte hervorhebt, weiter zur Vervollständigung einer
Literaturgeschichte der Drogen beitragen.


Martin Tauss: Rausch Kultur Geschichte. Drogen in literarischen Texten nach
1945. 
Studien Verlag, Innsbruck 2005.
254 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN 3706518635 




	

	
		
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